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Berichte im Kreisanzeiger vom 07.02.2008

 

 

Ein spirituelles Forum im globalen Dorf"

 

Pfarrer Kurt Johann berichtete über seinen Studienaufenthalt im Libanon - Authentischer Eindruck aus dem Alltagsleben

 

GEDERN (em). Kein Wunder, dass 100 Zuhörer ins evangelische Gemeindehaus Gedern kamen, um den Bericht Pfarrer Kurt Johanns über seinen Studienaufenthalt im Libanon zu hören. Wann hat man schon Gelegenheit, einen authentischen Eindruck aus dem Alltagsleben im Hexenkessel Naher Osten zu bekommen?

 

Spannung lag im Raum - die Zuhörer wussten, dass sie von Kurt Johann einen temperamentvollen farbigen Vortrag erwarten durften. Er hatte sich für ein Studienprogramm bei der Near East School of Theology (NEST), dem einzigen Ausbildungszentrum evangelischer Kirchen des Nahen Ostens, in Beirut gemeldet und war aus einer größeren Zahl von Bewerbern ausgewählt worden.

Pfarrer Kurt Johann bei seinem Vortrag.

 

"Der Libanon ist ein wunderschönes Land mit lieben, gastfreundlichen Menschen", betonte Johann. Wie gut für die Zuhörer, nach all den konfliktreichen Nachrichten aus dem Nahen Osten die Schönheit des Naturraums, die Zeugnisse der Vergangenheit im Bild zu sehen: eine traumschöne Bucht bei Jouni, der allerdings Hochhäuser schon recht nahe gerückt waren, die Kreuzfahrerburg von Sidon, Angler an der weit geschwungenen Corniche von Beirut, die Hänge des Mount Libanon, den berühmten Pidgeon Rock, James-Bond-Fans besonders vertraut, die orientalische Szenerie des Bazars von Tripolis, den antiken Jupitertempel von Baalbek. Johann sprach aber den Smog in der Beiruter Innenstadt ebenso an wie den Lärm: "Hier ist die Hupe wichtiger als das Benzin." Krieg, Bürgerkrieg und Umweltzerstörung gehen Hand in Hand - noch Mitte der 80er Jahre lebten viele der ärmeren Familien vom Fluss von Tripolis, heute ist er eine Kloake.

Ein Blick auf die Karte zeigte deutlich das Spannungsfeld dieser Region. Nur drei Autostunden ist es bis ins syrische Damaskus, das sich seit Jahren verdeckt und offen in die Politik des Libanon einmischt. Auch nach Israel sind es nur knappe 100 Kilometer, aber zwischen den beiden Ländern liegen politische, religiöse, weltanschauliche Mauern: "Im Libanon habe ich oft Äußerungen einer geradezu bedrückenden Aggression gegenüber dem jüdischen Staat erlebt, umgekehrt aber auch, wie sehr die Bevölkerung unter israelischen Angriffen gelitten hat", meinte Johann. Dabei existieren die Konfessionen im libanesischen Inland friedlich nebeneinander. 18 sind zugelassen: Schiiten, Sunniten, Drusen und christliche Kirchen unterschiedlicher theologischer Ausprägung. "Im Libanon ohne Konfession zu sein, ist unmöglich. Die Religionsgemeinschaften haben dort einen weit höheren Stellenwert als bei uns, sie sind geradezu Identität stiftend." Im letzten Zensus von 1932 seien 50 Prozent Christen unterschiedlicher Kirchen ebenso vielen Muslimen gegenüber gestanden. Letztere stellten inzwischen schon zwei Drittel der Bevölkerung.

 

100 Zuhörer waren ins evangelische Gemeindehaus Gedern gekommen.

Die Gewalt werde von außen in das Land getragen, berichtete Johann, zeigte Bilder zerstörter Gebäude, Folgen israelischer Angriffe, berichtete umgekehrt von den Attentaten auf Politiker, die sich nicht dem syrischen Einfluss fügten. Ebenso kam er auf erschütternde Einzelschicksale zu sprechen.


Anregend war für den Theologen Johann das Leben in der NEST. Dort lernten Menschen verschiedener Nationalitäten und theologischer Richtungen miteinander. Johann: "Ein spirituelles Forum im globalen Dorf." Keineswegs nur ein rein intellektueller Treffpunkt: Sehr nachdenklich hätten ihn zwei Aussagen beim Treffen mit dem Patriarchen Gregorius II. gemacht, der an der Spitze der melkitischen (griechisch-katholischen) Kirche steht: "Wir müssen alle christlicher werden, um als Christen den Dialog mit anderen Weltreligionen zu führen" und "So lange das christliche Amerika 30 Milliarden Dollar Militärhilfe nach Israel schickt, haben wir als Christen im Nahen Osten einen schweren Stand." Theologisch wie kirchengeschichtlich hochinteressante Begegnungen dieser Art hätten die NEST-Studierenden mehrere gehabt, etwa mit dem Patriarchen der syrisch-orthodoxen Kirche oder mit dem Großmufti von Tyrus. Anregend, manchmal auch verstörend sei der Austausch mit Mitstudierenden gewesen. So habe ein christlicher Bischof aus Sudan aus seinen schlimmen Erfahrungen heraus die Meinung vertreten, ein ökumenischer Dialog mit Muslimen sei nicht möglich.


Und Johanns Fazit aus dem Libanon-Aufenthalt? "Auch in der Bundesrepublik Deutschland gibt es keine Alternative zum Dialog zwischen den Weltreligionen - aber wir müssen wissen, wo wir stehen."  So will Pfarrer Johann in einem Glaubenskurs ab April eine Themenreihe "Muslime fragen - Christen antworten" anbieten.

 

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