Evangelische Kirchengemeinde Gedern
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Berichte im Kreisanzeiger vom 19.07.2014

  

 

GEDANKEN ZUM SONNTAG

 

Dem Rad in die Speiche fallen

 

Am 20. Juli jährt sich zum 70. mal der Tag, an dem eine auch christlich motivierte Widerstandsgruppe um den Grafen Stauffenberg das Attentat auf Adolf Hitler durchführte, das letztlich scheiterte.

 

Lange ist diskutiert worden, ob die Kirche, ob wir uns als Christen an einem Attentat beteiligen dürfen, immerhin geht es darum, einen oder mehrere Menschen zu ermorden. Und das ist ausdrücklich durch das 5. Gebot untersagt.

 

Berühmt ist Dietrich Bonhoeffers Wort, der selbst zu diesem Widerstandskreis gehörte, man müsse dem Rad in die Speichen fallen, um mehr Unglück zu verhindern.

 

Ganz sicher aber ist, dass man damals viel zu lange sich durch die Propaganda blenden ließ und der Widerstand viel zu spät kam.

 

Aber aus dieser Geschichte kann man lernen und dazu ist Geschichte auch da, damit sie sich eben nicht wiederholt. Wir müssen dem Rad viel früher in die Speichen fallen, am besten schon, bevor es sich richtig in Bewegung gesetzt hat.

 

Und ich finde, wir sollten in dieser Zeit ausgesprochen aufmerksam sein. Nicht nur in Deutschland, das haben wir bei der Europawahl gesehen, sondern eben auch in den Niederlanden, in Frankreich, in England und weiteren Ländern feierten Nationalisten
Wahlsiege.

 

Und auch bei uns versucht die NPD wieder ins Geschäft zu kommen, während ihr Verbot als Partei nun hoffentlich bald ausgesprochen wird. Wer mir und einigen anderen Menschen, persönlich adressiert, ein Kondom zukommen lässt, mit der Forderung, dass sich Leute wie ich besser nicht fortpflanzen sollten, der kann sich weder demokratisch legitimieren, noch hat er den Schutz eines demokratischen Rechtsstaates verdient.

 

Bei allem verständlichen Frust, bei allen verständlichen Fragen, ob und inwieweit unsere Sozialsyteme noch gerecht sind, ob der Sozialstaat noch funktioniert, der rechtsextreme Weg darf uns nicht als Antwort auf die Probleme dienen.

 

Ich danke allen Gemeindegliedern und allen Menschen, die sich im vergangenen Mai, als ich diese widerliche Post von der Jugendorganisation der NPD bekam, mit mir solidarisierten und mir Mut zusprachen.

 

Ich persönlich - und wir als Kirchengemeinde - werden uns von unserem Weg nicht abbringen lassen.

 

Wir sind froh, dass alle Kirchen Gederns gemeinsam mit der Stadt eine Gedenktafel für die jüdischen Familien, die Gedern nach der Machtergreifung Hitlers verlassen mussten, vor der ehemaligen Synagoge aufgestellt haben und wir werden uns im Rahmen unserer Möglichkeit auch weiterhin für die Integration von Flüchtlingen, die zum Teil traumatisiert von schrecklichen Erlebnissen, zu uns kamen, um Schutz zu suchen, einsetzen.

 

Um Missverständnisse zu vermeiden. Das ist keine politische Einmischung und wir betreiben auch keine Politik, sondern das ist schlichtweg christlicher Lebensvollzug, dass wir versuchen, zu leben woran wir glauben.

 

Wir versuchen, schon sehr früh dem Rad in die Speichen zu fallen und tun es so, wie es uns Gottes Wort empfiehlt: "Sei getrost und unverzagt, fürchte dich nicht und lass dich nicht erschrecken." ( 1. Buch der Chronik Kap.16 Vers 32)

 

 

Kurt Johann ist seit 2002 Pfarrer für die evangelische Kirchengemeinde in Gedern.

 

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