Evangelische Kirchengemeinde Gedern
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Berichte im Gemeindeblatt vom 01.09.2007

 

Liebe Gemeinde,

 

am 24. September werde ich für drei Monate nach Beirut/Libanon reisen.


Nach 10 Dienstjahren sieht die Ordnung unserer Landskirche für jeden Pfarrer/Pfarrerin einen Studienurlaub vor, den ich nun schon zweimal verschoben habe, einmal wegen meines Wechsels nach Gedern und zum anderen nachdem unsere Kirche gebrannt hatte.


Ich nutze nun diesen Studienurlaub um im Auftrag der Landeskirche nach Beirut zu reisen,

 

und um dort an einer Qualifizierungsmaßnahme für den interreligiösen Dialog, vor allem für den Dialog zwischen dem Islam und dem Christentum, teilzunehmen. Es ist mir eine große Freude, dass der Ausschuss der Landeskirche, in dem unter anderem Propst Eibach, Kirchenpräsident Prof. Steinacker, sowie der Leiter des Amtes für Mission und Ökumene Pfr. Kramm waren, sich dazu entschieden hat, mich gemeinsam mit vier weiteren Pfarrern, in den Libanon zu entsenden.


Der Libanon und seine Hauptstadt Beirut ist besonders zum Kennen lernen des interreligiösen Dialogs geeignet, da es neben der mehrheitlich islamischen Bevölkerung, eine doch noch erhebliche Zahl von Christinnen und Christen im Land gibt. In der Regierung des Landes müssen Vertreter der verschiedenen Religionen und Konfessionen beteiligt sein.

 

Was werde ich in
Beirut machen?


Zum ersten
werde ich  dort leben, mit allem was dazu gehört. Ich werde wenigstens für drei Monate, Teil dieser wunderschönen und doch so durch Krieg und Zerstörung geschundenen Stadt sein, werde Menschen kennen lernen, mit ihnen sprechen und gut zuhören, ob beim Bäcker um die Ecke, beim Friseur oder im Supermarkt.


Gleich nach unserer Ankunft werden wir die Präsidentschaftswahlen für den Libanon, die für den 25. September vorgesehen sind, vor Ort erleben.

 

Sicherlich ein interessantes Ereignis, spannend und für den Nahen Osten so un-gemein wichtig, geht es doch immer wieder im Libanon und nach dem Mord an Präsident Hariri vor drei Jahren darum, den Einfluss der Syrer im Libanon zu beschränken, die den Libanon als ihr eigenes Territorium sehen und nicht als ein Nachbarland.


Nach dem Mord an Präsident Hariri demonstrierten 1 Million Menschen für den Abzug der Syrer aus dem Libanon. Bei einer Bevölkerungszahl von nur etwa 3.5 Millionen Einwohnern waren also an dieser antisyrischen Demonstration ein Drittel der Bevölkerung beteiligt. (Dazu müssten in Deutschland etwa 25 Millionen Menschen auf die Straße gehen) Syrien versucht aber immer wieder über die Hizbolla und über die Terrororganisationen der Flüchtlingslager wie der Fatah Islam, Einfluss im Lande zu gewinnen.


Also das wird spannend werden und interessant. Dass es durch die für den 25. September vorgesehene Wahl auch gefährlich werden kann ist uns bewusst. Umso mehr erbitten wir ihre Gebete, umso mehr vertrauen wir uns Gott und ihren Gebeten an.


Zum zweiten werde ich an der Near Eastern School of Theology (kurz NEST) gemeinsam mit vier weiteren Pfarrern unserer Landeskirche studieren. Unsere Fächer sind: Islam, Kenntnis und Geschichte der christlichen Kirche im Nahen Osten, sowie christlich-muslimischer Dialog.
Die Vorlesungen und Seminare werden ausschließlich in Englisch gehalten werden und so war es gut, dass wir schon im Vorfeld reichlich englische Studienbücher lesen mussten, um wieder in die Sprache hineinzufinden, die wir ja nicht jeden Tag sprechen.


Hintergrund dieses Studiums ist natürlich das Ziel der Landeskirche, in Ihrer Pfarrerschaft Menschen zu haben, die sich eine solide Kompetenz für den Islam und für den interreligiösen Dialog erworben haben, um diesen notwendigen Dialog auch hier im Namen der Landeskirche zu führen.

Ich erinnere nur an die anstehenden und viel diskutierten Fragen in unserem Lande, etwa ob man das Kopftuch in Schulen verbieten sollte oder gleich jede religiöse Äußerung an
Schulen, die Fragen nach dem Moscheebau im Lande, oder des islamischen Religionsunterrichtes an deutschen Schulen und der ganz allgemeinen Diskussion zur Integration von Ausländern.


Und zum dritten werden wir auch eine Repräsentationsaufgabe haben.


Da ist das 70. Jubiläum der Hochschule, an der wir studieren, da ist die deutsche Gemeinde im Libanon, das sind die vielen verschiedenen christlichen Konfessionen im Lande, etwa die Melkiten, die syrisch-orthodoxe Kirche, die armenisch-orthodoxe Kirche und viele, viele andere Konfessionen. Der Libanon ist Ursprungsland unseres christlichen Glaubens. Viele dieser Kirchen
haben sich abgespalten, nachdem das Konzil von Chalcedon im 5. Jahrhundert dem Dogma der Trinität Gottes beschlossen hatte. Diese vorchalcedonesischen Kirchen sind fast aus dem Bewusstsein unseres westlich geprägten Christentums verschwunden. Es gilt auch diesen christlichen Kirchen im Nahen Osten zu zeigen, dass sie in schwieriger Zeit nicht alleine sind, und dass wir hier im Westen bereit sind sie zu unterstützen. Es ist ja in einer Zeit der wachsenden Radikalisierung des Islam nicht einfach im Nahen Osten Christ zu sein.


Also sie sehen, wir werden eine ganze Menge zu tun haben.


Haben sie nicht Angst? So werde ich in diesen Tagen immer wieder angesprochen.


Nein, ich habe keine Angst. Zum einen weiß ich, dass meine Familie damit einverstanden ist, dass ich in den Libanon gehe, zum anderen weil ich wirklich dahin möchte. Schon seit Jahren habe ich einen etwas unüblichen Zugang zum interreligiösen Dialog, nämlich den, dass wir als Religionen uns aller Rechthaberei und Intoleranz enthalten sollten, auch wenn jeder davon überzeugt ist, der richtigen Religion anzugehören, den richtigen Glauben zu haben. Vielmehr sollte im interreligiösen Miteinander nach Wegen eines gemeinsamen Ethos gesucht werden, nach einer gemeinsamen Verantwortung für die Welt.


Keinen Frieden ohne den Frieden zwischen den Religionen, davon bin ich überzeugt und ich bin auch davon überzeugt, dass dies das dringendste Thema unseres Jahrhunderts werden wird.


Auch um meine Überzeugung, die sich in langen Jahren gefunden hat, vor Ort in Frage zu stellen und zu diskutieren, reise ich in den Libanon.


Wir haben alles getan und dafür danke ich Herrn Dekan Keller im Besonderen sehr herzlich, sowie allen, die daran mitgeholfen haben, dass in diesen drei Monaten das Gemeindeleben seinen guten und gewohnten Gang nimmt.


Ich bin sehr erfreut, dass Pfr, Zentgraf in dieser Zeit viele Dienste weit über seinen eigentlichen Auftrag hinaus, übernommen hat. Das ist keine Selbstverständlichkeit und ich bitte, ihm zu vertrauen und einen guten Start zu ermöglichen. Er wird viele Gottesdienste halten, unterstützt von Lektorinnen und Lektoren.


Alle Beerdigungen und andere sogenannte Kasualien werden von ihm oder anderen Kollegen gehalten.

Niemand muss auf eine Taufe oder Hochzeit verzichten. Wenden sie sich bitte ans Pfarramt, oder direkt an Pfr, Zentgraf in Burkhards.


Der Konfirmandenunterricht wird bis zu den Weihnachtsferien in der Verantwortung von Herrn Dekanatsjugendreferent Adolph liegen. Auch ihm bin ich für seine Bereitschaft dazu sehr dankbar.

 

Danken möchte ich auch den Menschen unseres Kirchenvorstandes, die in dieser Zeit die Geburtstagsbesuche übernehmen, vor allem aber auch dafür, dass sie mein Vorhaben und meinen Dienst im Libanon unterstützen.


Ein besonderer Dank gilt meiner Frau und meiner Familie, die darum weiß, wie wichtig mir diese Reise und dieser Dienst im Libanon ist und die ohne Klagen bereit sind auf mich für eine so lange Zeit zu verzichten. Ohne ihre Zustimmung würde ich nicht reisen.


Herzlichen Dank, Beate, Hannah, Luise und Pauline.


Sie sehen aber, es wird in dieser Zeit keinen Abbruch geben, die Gemeinde wird in allen Belangen umfassend betreut.

 

Und nun habe ich zwei
wichtige Bitten an Sie,
die mir am Herzen liegen.


Bitte kommen Sie am 16. September um 10.00 Uhr in den Gottesdienst. An diesem Tag wird mich Herr Dekan Keller in meinen Dienst im Libanon verabschieden und wir werden gemeinsam Herrn Pfr, Zentgraf, der fortan mit einem halben Dienstauftrag in Gedern wirken wird und das über meine Abwesenheit hinaus, begrüßen.

 

Die andere Bitte ist mehr persönlicher Natur. Wenn ich in den Libanon reise, dann bin ich auf ihre Unterstützung und noch mehr auf ihre Gebete angewiesen. Und das sage ich nicht einfach so dahin. Bitte beten sie für meinen Dienst, für ein friedliches Miteinander der Religionen und für meine sichere Rückkehr nach Gedern.


Es wäre mir eine große Hilfe und wichtige Stütze, mich durch ihre Gebete getragen zu wissen und mich mit ihnen im Geiste unseres Herrn Jesus Christus verbunden zu fühlen.


Ich werde mir Mühe geben, Ihnen immer wieder und in regelmäßigen Abständen schriftlich zu berichten, wie es mit meinem Dienst vorwärts geht und wie es mir im Libanon ergeht. Meine Briefe aus dem Libanon werden in der Kirche zum Gottesdienst ausgelegt sein und ich werde auch im nächsten Gemeindebrief vor Weihnachten von meiner Zeit im Libanon berichten.


Ich gehe zudem davon aus, dass sie immer wieder auch in der Zeitung lesen können, was ich mache und wie es mir geht. Bitte begleiten sie mich also auch durch ihr Interesse.


Ich würde mich wirklich sehr freuen und ihnen sehr dankbar sein, wenn ich mich im Gottesdienst von möglichst vielen Menschen persönlich verabschieden könnte.


Sie liegen mir am Herzen und ich fühle mich mit ihnen verbunden. Und daran wird sich auch in Beirut nichts ändern.


Mit den besten Grüßen

Ihr Pfarrer Kurt Johann

 

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