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Bericht Nr. 9 vom 02.10.2007

 

Bericht im Kreisanzeiger vom 02.10.2007

 

 

Entsetzen, Ohnmacht und die Zuversicht des Christen Daniel

 

Die ersten Tage in Beirut: Widersprüchliche Eindrücke von weltstädtischem Leben und Straßensperren -  Tripolis und der Tourismus im Nordlibanon

 

BEIRUT (KA). Der Gederner Kurt Johann ist einer von fünf Pfarrern der Evangelischen Landeskirche Hessen-Nassau, der sich für eine dreimonatige Studienreise bis zum Jahresende im Libanon aufhält. An der Near Eastern School of Theology studieren die Geistlichen Islam, Kenntnis und Geschichte der christlichen Kirche im Nahen Osten sowie christlich-muslimischen Dialog. Die erworbenen Kenntnisse und Erfahrungen sollen die Fortführung des Dialoges zwischen den Religionen auch in der hiesigen Region möglich machen. Regelmäßig berichtet Kurt Johann von seinen Erfahrungen und Eindrücken aus der Stadt Beirut:

 

"Ich bin jetzt erst wenige Tage in Beirut und habe schon so viel erlebt, dass man kaum alles aufschreiben und beschreiben kann. Hier in Hamra, einem Stadtteil im Westen Beiruts, ist schon ein fast weltstädtisches Leben möglich ohne den Zwist zwischen Religionen, Konfessionen und politischen Strömungen. So mag man zumindest meinen. Heute sind wir nach Tripolis gefahren, etwa 85 Kilometer nördlich von Beirut. Gleich zu Beginn der Fahrt kamen wir noch in Beirut an jenem Hotel vorbei, in dem zurzeit eine ganze Reihe von Parlamentsabgeordneten einquartiert sind, die aus Sicherheitsgründen im Ausland leben und die nun zur wieder einmal verschobenen Wahl des Staatspräsidenten angereist waren. Straßensperren mussten passiert werden, und ein großes Aufgebot an Panzern und Militär war zu sehen. Der nächste Versuch, einen Staatspräsidenten zu wählen, findet am 23. Oktober statt, bis 24. November muss die Wahl dann so oder so erfolgt sein. Wir werden es also hier vor Ort erleben.

 

Wie wenig letztlich alle Straßensperren und Soldaten helfen, hat man am Attentat vom 19. September dieses Jahres gesehen, als der anti-syrische Abgeordnete Antoine Ghanem in die Luft flog. Er war erst seit zwei Tagen wieder im Lande und wollte einen Freund besuchen. Etwa 75 Menschen wurden bei diesem Attentat verletzt. Erinnert sei nur an die Frau, für die die deutsche Gemeinde nach wie vor eine Möglichkeit sucht, dass sie nach Deutschland ausgeflogen werden kann. Nach und nach klärt sich das Bild. Sie ist 26 Jahre alt und seit zehn Monaten verheiratet gewesen, seit zwei Monaten war sie schwanger. Sie liegt mit schweren Brandverletzungen im Krankenhaus. Wir beten für sie.

 

Das Entsetzen ist auch beim Frauenkreis der Deutschen Gemeinde groß, den wir heute in der Nähe von Tripolis besucht haben. „Du darfst eben nicht zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort sein“, ruft eine. „Es ist irgendwie Schicksal, und wir haben damit gelernt zu leben“, sagt eine andere.

 

Noch extremer sieht es in Tripolis aus, Auch auf dem Weg nach Tripolis selbst hatten wir einige Straßensperren zu passieren. Trotzdem fühlten wir uns sicher. So sicher es eben geht. Jeder hat stets seinen Reisepass dabei, und wenn es dunkel wird, muss vor der Straßensperre das Licht angeschaltet werden.

 

Tripolis ist eine wundervolle Stadt, wohl die orientalischste Stadt des Libanon mit etwa 850 000 Einwohnern. Dort trafen wir Daniel, wie ich ihn einmal nennen möchte, der sich selbst den Präsidenten der Tourismusbehörde für den Nordlibanon nennt. Tourismus im Nordlibanon? Nicht erst der Sommerkrieg 2006, erst recht aber der Aufstand von Fatah al Islam in einem Flüchtlingslager nahe Tripolis und die Räumung des Lagers durch die Armee haben jede Hoffnung auf eine ökonomische und erst recht eine touristischen Zukunft im Keim erstickt. Jedenfalls haben wir keinen anderen Ausländer in Tripolis gesehen. Daniel ist ein hochintelligenter Mensch, der sieben Sprachen spricht. Und Daniel ist Christ, der lange Jahre im Ausland war. Früher lebten auch in Tripolis zahlreiche Christen, aber zurzeit stellen sie wohl nur ein Prozent der Bevölkerung. Daniel, der Tourismuspräsident, ist frustriert. Niemand hier scheint Interesse am Tourismus zu haben, niemand hat Interesse, diese Stadt zu pflegen und wieder aufzubauen. Der Fluss, der durch Tripolis führt und in dem noch vor wenigen Jahren gefischt wurde, ist zu einer Kloake verkommen. Aber Daniel wird dieses Land nicht verlassen und er wird sich nicht vertreiben lassen, sagt er. Er will ein Zeichen setzen für sein Land, für den Libanon, und wird dabei immer mehr zum einsamen Rufer in der Wüste.

 

Am Abend hält Pfarrer Uwe Weltzien eine Andacht über den Satz des Paulus: „Ich habe euch nicht einen Geist der Furcht gegeben, sondern ein Geisten der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.“ Niemand hier will sich von der Furcht lähmen und von der Angst gefangen nehmen lassen. Daniel erst recht nicht. Aber es bleibt die Frage, die wir immer wieder stellen werden in diesen drei Monaten. Lohnt sich denn ein muslimisch-christlicher Dialog? Hat das überhaupt Sinn?“ - ,You waste your time - du vergeudest deine Zeit mit so was?´, bekommen wir gesagt. Aber eben auch, dass es zu diesem Dialog keine Alternative gäbe. Die Meinungen darüber sind so verschieden wie die Teile dieses Landes, so unterschiedlich wie man es sich kaum denken kann, so unterschiedlich wie Hamra und Tripolis. Da prallen Welten aufeinander.

 

Gott hat uns einen Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit gegeben. Wenn jemals ein funktionierender Dialog beginnen soll, dann wohl nur so, dass wir uns dieses Geistes besinnen, denn Liebe, viel Kraft und Besonnenheit braucht der Dialog mit dem Islam auf alle Fälle.

 

Ich grüße euch alle aus Beirut und danke für alle Gebete und Unterstützung.

 

Kurt Johann.

 

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