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Bericht Nr. 10 vom 08.10.2007

 

E-Mail Nachricht vom 08.10.2007

 

 

Liebe Freunde,

 

unsere erste Studienwoche ist zu Ende und ich denke, wir haben uns tapfer geschlagen an der Near East School of Theology. Ein bisschen ist schon Studienalltag eingekehrt. Inklusive der täglichen etwa zwanzig minütigen Andacht in der Kapelle vor dem Mittagessen. Ob Student oder Professor. Jeder ist einmal dran diese Andacht zu halten. Studium als spiritueller Alltag.

 

Die Kurse hier sind sehr genau von den Professoren durchgeplant, für jede Sitzung gibt es ein genaues Thema und eine Liste von Texten, die wir dazu vorbereitend lesen sollen. Natürlich alles in Englisch, was seine Zeit braucht, aber wir kommen alle erstaunlich gut zurecht. Und vor allem, es macht uns große Freude wieder zu studieren, und dies nicht (nur) weil die Bibliothek der einzige Raum mit Klimaanlage ist.

 

Am meisten beschäftigte mich persönlich in dieser Woche der Kurs: Contemporary Eastern Churches (Zeitgenössische Kirchens des Ostens) von unserem Lehrer George Sabra und eine Arbeit die er dazu geschrieben hat.

 

Ich nehme zur Kenntnis, dass es das gibt. Arabisch und christlich sein. Während wir ja mit arabisch meist auch muslimisch verbinden. Ja das gibt es, wenn es auch verschiedene Antworten der Christen in Nahen Osten auf den Islam gibt, immer auch willens die eigene christliche Identität zu wahren. Aber für beide, Muslime wie Christen ist der Nahe Osten nun mal gemeinsame Heimat.

 

Christsein im Libanon. Es ist der schwierige aber doch lohnende Versuch, christliche Identität und arabische Kultur miteinander zu verbinden, anstatt von ihr entweder komplett assimiliert zu werden, oder klar abgegrenzt zur arabischen Kultur zu leben.

 

Dabei ist es ja nicht so, dass das Christentum von außen in den Nahen Osten eingedrungen wäre, gewissermaßen als Fremdkörper, oder dass die Kirchen des Ostens das Ergebnis offensiver Missionsversuche westlicher Kirchen wären. Ganz im Gegenteil. Wir befinden uns, wenn man so will im Kernland der ersten Christenheit und lange Zeit sah man in den alten Kirchen des Ostens so etwas wir Mutterkirchen.

 

Eine der ältesten ist die Assyrische Kirche des Ostens. Heute eine kleine Kirche von vielleicht noch etwa 150.000 Menschen, die auf der Welt zerstreut leben. Einige Zehntausend davon im Libanon.

 

Aber sie ist auch eine der Ältesten, wenn nicht sogar die Kirche, mit der ältesten Gottesdienstliturgie, die noch vor das Jahr 431 zurückgeht. Damals im Konzil von Ephesus hatte sie sich von den anderen Kirchen getrennt. Zwar war man mit den meisten anderen Kirchen darin einig, dass Christus eine menschliche und eine göttliche Natur gehabt habe, betonte aber, dass diese Naturen nicht miteinander vermischt werden können und auch getrennt gesehen werden müssen. Das Konzil von Ephesus 431 sah das anders. Christus habe zwei Naturen gehabt, die aber eben nicht voneinander getrennt werden können. wahrer Gott und wahrer Mensch zugleich. Insofern beschloss das Konzil, Maria, die Mutter Jesu dürfe „theotokos“, Gottgebärerin genannt werden, ein Begriff den diese Kirche nicht akzeptieren konnte.

 

Der Weg dieser assyrischen Kirche ist lang und schwer, aber auch von viel Standhaftigkeit und Glaubensmut gekennzeichnet.

Am kommenden Sonntag werden wir an einem assyrischen Gottesdienst teilnehmen, der nach alter Tradition in aramäisch gehalten wird, in der Sprache also, die Jesus selbst gesprochen hat. Wie es uns dabei gehen wird? Und wir werden mit unseren Glaubensgeschwistern von der assyrischen Kirche des Ostens das Abendmahl feiern. Ein Stück Sauerteig wird immer aufgehoben und weiter verarbeitet um so eine Kontinuität zum ersten Abendmahl zu fühlen, oder zu haben. Darauf freuen wir uns sehr, ist doch ein Grund unseres Hierseins gerade diesen Kirchen des Ostens, die nicht selten vom Westen vergessen sind, oder von denen wir zumindest fast keine Ahnung in Europa haben, dadurch, dass wir hier sind, unsere Verbundenheit und unsere Solidarität zu zeigen. Wir, als durch Kirchensteuer abgesicherte Kirche wissen es vielleicht nicht recht zu schätzen, dass wir in Frieden und Freiheit unseren Glauben leben dürfen.

 

Kirche sein im Nahen Osten. Christen als Menschen mit arabischer Kultur in einem mehrheitlichen muslimischen Umfeld. Auch ihnen werden wir die Frage stellen: Ist christlich-muslimischer Dialog oder zumindest eine friedliche Koexistenz mit dem Islam möglich? Wir werden  auch ihnen genau zuhören und sicherlich wieder vieles von ihnen lernen.

 

 

Heute aber haben wir erst einmal einen freien Samstag genossen, der damit begann, dass Gerhard Failling und ich, wie nahezu an jedem Morgen um 6.00 Uhr an der Corniche joggen gingen. Gerhard hilft mir im Training für den Beirut Marathon am 18. November, den will ich unbedingt schaffen, denn der Marathon ist für die Beirutis auch ein Lauf für den Frieden und ein Zeichen dafür, dass man in dieser Stadt leben kann und leben möchte. Da will ich dabei sein. Danach, gegen Mittag sind wir nach Jounie gefahren, etwa 21 Kilometer nördlich von Beirut. Zuerst gingen zwei von uns verloren, weil ihr Taxi versehentlich Richtung Ostbeirut fuhr und ewig dort im Stau stecken blieb, während die andere Gruppe kurz hinter Jounie merkte, dass sie im Bus nach Tripolis sitzt. Aber wir sind alle gut dort angekommen, wo wir eigentlich hinwollten und haben es uns in einem wunderschönen Restaurant direkt am Meer gut gehen lassen, bei Humus und Artischockenpaste und Fladenbrot, bevor wir mit einer Seilbahn zur Jungfrau des Libanons (Notre Dame du Leban), einer riesige Statue hinauffuhren, in deren Umgebung sich mehrheitlich Maroniten aufhalten, arabische Christen des Libanons, die eng mit der katholischen Kirche in Rom verbunden sind und im Libanon die Mehrheit der Christen stellen. Die Seilbahn fuhr so eng an manchen Hochhäusern vorbei, dass wir leicht Einblick in manche Wohnung nehmen konnten. Es war schon atemberaubend und abenteuerlich dieser Tag. Belohnt wurden wir mit einem herrlichen Panorama auf das Meer und mit guter, sauberer Luft. Wer in Beirut lebt weiß auch gute Luft wieder zu schätzen. Und ein kleines Bier am Abend übrigens auch.

 

Ich grüße euch alle sehr herzlich aus Beirut.

Kurt Johann

 

 

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