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Bericht Nr. 11 vom 09.10.2007

 

Bericht im Kreisanzeiger vom 09.10.2007

 

 

 

Stilvolle Cafés und Geschäfte, aber kein pulsierendes Leben

 

 

Pfarrer Kurt Johann unternimmt Streifzug durch die Downtown Beiruts - "Frieden ist möglich"

 

 

GEDERN/BEIRUT (KA). Der Gederner Kurt Johann ist einer von fünf Pfarrern der Evangelischen Landeskirche Hessen-Nassau, der sich für eine dreimonatige Studienreise bis zum Jahresende im Libanon aufhält. An der Near Eastern School of Theology studieren die Geistlichen Islam, Kenntnis und Geschichte der christlichen Kirche im Nahen Osten sowie christlich-muslimischen Dialog. Die erworbenen Kenntnisse und Erfahrungen sollen die Fortführung des Dialoges zwischen den Religionen auch in der hiesigen Region möglich machen. Regelmäßig berichtet Kurt Johann von seinen Erfahrungen und Eindrücken aus Beirut. "Den letzten Sonntag, bevor das Studium an der Hochschule beginnt und unsere Einführungswoche endet, habe ich den Nachmittag zu einem ausgiebigen, etwa zweistündigen Spaziergang genutzt. Erst die Corniche, die Uferpromenade Beiruts entlang, vorbei am Hafen, in dem Luxusjachten von wirklich beachtlicher Größe liegen, bis hin zur neu gebauten und nach dem ermordeten Präsidenten Libanons benannten Hariri-Moschee mit den blauen Kuppeln. Die wollte ich mal aus der Nähe sehen, weil wir des Abends einmal, als sie hell erleuchtet war, daran vorbeigefahren waren.

 

Von der Hariri-Moschee dann Richtung Place d´Etoile, Downtown, eine Geisterstadt, ganz im Gegenteil zu den anderen Stadtteilen, in denen das Leben pulsiert. Prunkvolle Häuser, stilvolle Straßencafés, edle Geschäfte, die alle klangvollen Namen der Modebranche vertreten, aber kaum eine Menschenseele ist dort. Sicher auch ein Ergebnis des Ramadans, aber eben nicht nur.

Ich passiere Checkpoints mit schwer bewaffneten Soldaten, als sei es das Natürlichste der Welt, und habe es mir zur Angewohnheit werden lassen, die meist jungen Soldaten freundlich zu grüßen. So als ob es die natürlichste Sache der Welt sei. Einer fragt mich, das Maschinengewehr in der Hand und den Gewehrriemen über der Schulter, nach der Uhrzeit. Es ist 18.05 Uhr. Er lächelt und ich frage, wie lange er noch Dienst hat und hier stehen muss. Noch eine halbe Stunde, sagt er, aber vielleicht hatte er auch nur nach der Zeit gefragt, um zu wissen, ob es nun an der Zeit sei, während des Ramadans wieder essen und trinken zu dürfen. Ich weiß es nicht. Aber er legt mir die Hand sanft auf die Schulter und sagt: "You are welcome in Lebanon, thank you."

 

 

 

 

Es ist einfach ein Jammer, dieses so wunderbare, aber leerstehende Klein-Paris zu sehen, wie man Beirut auch nannte. Autohäuser von Rolls Royce bis Porsche, ein Geschäft mit Rolex-Uhren, der Firma, die offensichtlich nicht nur sündhaft teuer ist, sondern wohl auch die Turmuhr in der Mitte des Place d´Etoile in Beirut gesponsert hat.

 

Wenn jetzt noch Menschen da wären, wäre die Kö in Düsseldorf im Vergleich dazu nicht mehr als ein gut sortierter Flohmarkt. Gerade die Reichen aus den arabischen Ländern haben Angst, zu kommen, und fehlen.

 

Auf dem Rückweg gehe ich die beschwerlichen Treppen zu unserem Stadtteil Hamra rauf, von dem Ali, der Barkeeper, vor einigen Abenden sagte, es sei der Friede Libanons, denn hier zählten weder Religion noch Politik. Auf diese Treppen hat nun irgendjemand mit Farbe je auf eine Stufe die Worte geschrieben: "Love - Tolerate - Respect" - lieben, tolerieren, respektieren. Ein gutes Bild für den Libanon. Es ist ein beschwerlicher Weg, den man von den Niederungen des Krieges zum Frieden emporsteigen muss.

 

Aber nur so geht es, das muss in die Herzen und Hirne hinein. Der beschwerliche Weg zum Frieden führt über lieben, tolerieren und respektieren, Schritt für Schritt, und wenn der Weg noch so mühsam ist.

 

 

Und auf dem weiteren Weg sehe ich es. Es geht tatsächlich. Frieden ist möglich. Familien haben von der Uferpromenade Besitz ergriffen und das Abendessen auf kleine Tischchen gestellt, Frauen mit Kopftuch lachen mit Frauen, die nabelfrei vorbeijoggen, am Ufergeländer stehen Männer, die ihre übergroßen Angeln voller Hoffnung ins Meer werfen, ich sehe Gruppen, die es sich an einem Sonntagabend einmal so richtig gemütlich gemacht haben, eine Shisha rauchen und den Sonnenuntergang genießen.

 

Ich habe den Eindruck, die Menschen hier, die lassen sich auch in schwierigen Zeiten, nicht einfach das friedliche Miteinander nehmen. Sie genießen den Sonnenuntergang am Sonntagabend. Christen und Muslime. Und das ist gut so."

 

 

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