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Bericht Nr. 12 vom 13.10.2007

 

Bericht im Kreisanzeiger vom 13.10.2007

 

 

  

Ein bisschen ist schon Alltag eingekehrt"

 

 

An der Near East School of Theology in Beirut ist Studium genau durchgeplant - Freien Tag für Ausflug genutzt.

 

GEDERN/BEIRUT (KA). Der Gederner Kurt Johann ist einer von fünf Pfarrern der Evangelischen Landeskirche Hessen-Nassau, der sich für eine dreimonatige Studienreise bis zum Jahresende im Libanon aufhält. An der Near Eastern School of Theology studieren die Geistlichen Islam, Kenntnis und Geschichte der christlichen Kirche im Nahen Osten sowie christlich-muslimischen Dialog. Die erworbenen Kenntnisse und Erfahrungen sollen die Fortführung des Dialoges zwischen den Religionen auch in der hiesigen Region möglich machen. Regelmäßig berichtet Kurt Johann von seinen Erfahrungen und Eindrücken aus Beirut. "Unsere erste Studienwoche ist zu Ende, und ich denke, wir haben uns tapfer geschlagen an der Near East School of Theology. Ein bisschen ist schon Studienalltag eingekehrt. Inklusive der täglichen, etwa 20-minütigen Andacht in der Kapelle vor dem Mittagessen. Ob Student oder Professor. Jeder ist einmal dran, diese Andacht zu halten. Studium als spiritueller Alltag. Die Kurse hier sind sehr genau von den Professoren durchgeplant, für jede Sitzung gibt es ein genaues Thema und eine Liste von Texten, die wir dazu vorbereitend lesen sollen. Natürlich alles in Englisch, was seine Zeit braucht, aber wir kommen alle erstaunlich gut zurecht. Es macht uns große Freude, wieder zu studieren, und dies nicht (nur), weil die Bibliothek der einzige Raum mit Klimaanlage ist.

 

 

Am meisten beschäftigte mich in dieser Woche der Kurs ,Contemporary Eastern Churches` (Zeitgenössische Kirchen des Ostens) von unserem Lehrer George Sabra. Ich nehme zur Kenntnis, dass es das gibt: arabisch und christlich sein. Während wir ja mit arabisch meist auch muslimisch verbinden. Ja, das gibt es, wenn es auch verschiedene Antworten der Christen im Nahen Osten auf den Islam gibt, immer auch willens, die eigene christliche Identität zu wahren. Aber für beide, Muslime wie Christen, ist der Nahe Osten nun mal gemeinsame Heimat.


Christsein im Libanon: Es ist der schwierige, aber doch lohnende Versuch, christliche Identität und arabische Kultur miteinander zu verbinden, anstatt von ihr entweder komplett assimiliert zu werden oder klar abgegrenzt zur arabischen Kultur zu leben.

Dabei ist es ja nicht so, dass das Christentum von außen in den Nahen Osten eingedrungen wäre, gewissermaßen als Fremdkörper, oder dass die Kirchen des Ostens das Ergebnis offensiver Missionsversuche westlicher Kirchen wären. Ganz im Gegenteil. Wir befinden uns im Kernland der ersten Christenheit.
Eine der ältesten Kirchen ist die Assyrische Kirche des Ostens. Heute eine kleine Kirche von vielleicht noch etwa 150 000 Menschen, die auf der Welt zerstreut leben. Aber sie ist auch eine der ältesten, wenn nicht sogar die Kirche mit der ältesten Gottesdienstliturgie, die noch vor das Jahr 431 zurückgeht.

 

 

Morgen werden wir an einem assyrischen Gottesdienst teilnehmen, der nach alter Tradition in Aramäisch gehalten wird, in der Sprache also, die Jesus gesprochen hat. Und wir werden mit unseren Glaubensgeschwistern von der Assyrischen Kirche des Ostens das Abendmahl feiern. Darauf freuen wir uns sehr, ist doch ein Grund unseres Hierseins, gerade diesen Kirchen des Ostens durch unseren Aufenthalt unsere Verbundenheit und Solidarität zu zeigen. Wir, als durch Kirchensteuer abgesicherte Kirche, wissen es vielleicht nicht recht zu schätzen, dass wir in Frieden und Freiheit unseren Glauben leben dürfen.


Christen als Menschen mit arabischer Kultur in einem mehrheitlichen muslimischen Umfeld. Auch ihnen werden wir die Frage stellen: Ist christlich-muslimischer Dialog oder zumindest eine friedliche Koexistenz mit dem Islam möglich? Wir werden auch ihnen genau zuhören und sicherlich wieder vieles von ihnen lernen.
Jetzt aber haben wir erst einmal einen freien Tag genossen, der damit begann, dass Gerhard Failing und ich, wie nahezu an jedem Morgen, um 6 Uhr an der Corniche joggen gingen. Gerhard hilft mir im Training für den Beirut-Marathon am 18. November, den will ich unbedingt schaffen, denn der Marathon ist für die Beirutis auch ein Lauf für den Frieden und ein Zeichen dafür, dass man in dieser Stadt leben kann und leben möchte. Da will ich dabei sein.


Danach, gegen Mittag, sind wir nach Jounie gefahren, etwa 21 Kilometer nördlich von Beirut. Zuerst gingen zwei von uns verloren, weil ihr Taxi versehentlich Richtung Ostbeirut fuhr und ewig im Stau stecken blieb, während die andere Gruppe kurz hinter Jounie merkte, dass sie im Bus nach Tripolis sitzt. Aber wir sind alle gut dort angekommen, wo wir eigentlich hinwollten, und haben es uns in einem wunderschönen Restaurant direkt am Meer gut gehen lassen, bei Humus und Artischockenpaste und Fladenbrot, bevor wir mit einer Seilbahn zur Jungfrau des Libanons (Notre Dame du Leban), einer riesigen Statue, hinauffuhren, in deren Umgebung sich mehrheitlich Maroniten aufhalten, arabische Christen des Libanons, die eng mit der katholischen Kirche in Rom verbunden sind und im Libanon die Mehrheit der Christen stellen.


Die Seilbahn fuhr so eng an manchen Hochhäusern vorbei, dass wir leicht Einblick in manche Wohnung nehmen konnten. Dieser Tag war atemberaubend und abenteuerlich. Belohnt wurden wir mit einem herrlichen Panorama auf das Meer und mit guter, sauberer Luft. Wer in Beirut lebt, weiß auch gute Luft wieder zu schätzen. Und ein kleines Bier am Abend übrigens auch."

 

 

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