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Bericht Nr. 14 vom 20.10.2007

 

Bericht im Kreisanzeiger vom 20.10.2007

 

 

Manchmal macht sich Heimweh breit"

 

Pfarrer Kurt Johann seit vier Wochen in Beirut -  Christen und Juden zahlen im Irak eine zusätzliche Steuer

 

GEDERN/BEIRUT (KA). Der Gederner Kurt Johann ist einer von fünf Pfarrern der Evangelischen Landeskirche Hessen-Nassau, der sich für eine dreimonatige Studienreise bis zum Jahresende im Libanon aufhält. An der Near Eastern School of Theology studieren die Geistlichen Islam, Kenntnis und Geschichte der christlichen Kirche im Nahen Osten sowie christlich-muslimischen Dialog. Die erworbenen Kenntnisse und Erfahrungen sollen die Fortführung des Dialoges zwischen den Religionen auch in der hiesigen Region möglich machen. Regelmäßig berichtet Kurt Johann von seinen Erfahrungen und Eindrücken aus Beirut. "Wir sind in der vierten Woche. Wie schnell die Zeit vergeht. Hier und da machen sich hin und wieder auch ein paar Heimwehgedanken breit, wer wollte es uns verdenken. So schön der Libanon ist, so sehr uns Beirut, die Stadt am Meer, in ihren Bann gezogen hat, so sehr wissen wir doch auch, wie gerne wir zu Hause sind, bei denen, die wir lieben und mit denen wir als Familie, Freunde und Nachbarn verbunden sind.

 

Internet und Telefon aber halten uns täglich auf dem Laufenden. Wir lesen und hören mit großem Interesse von zu Hause. Inklusive des Internetangebots des Kreis-Anzeigers, Stichpunkt Lokales. Nur Fernsehen schaut von uns niemand, da ausschließlich arabisches Fernsehen zu empfangen ist. Ich darf Ihnen aber versichern, da gibt es auch nichts anderes, als bei uns. Quiz-Shows und Daily-Soaps.

 

Aber noch sind es sieben Wochen, kein Grund also, sich mehr mit der Heimat zu beschäftigen als mit der Aufgabe, die man hier hat. Und die heißt unter anderem: Möglichkeiten und Grenzen des muslimisch-christlichen Dialogs in einem mehrheitlich muslimischen Land kennen lernen. Das hört sich hochtrabend und zu lange an, ist es aber nicht. Manches daran stimmt einen sehr nachdenklich und vieles daran hat sehr konkrete Bezüge.

 

Ein Beispiel: Wie ich in der vergangenen Mail aus Beirut schrieb, waren wir beim Gottesdienst der Assyrischen Kirche des Ostens. Und nicht nur das, wir wurden nach einem wunderbaren Gottesdienst in aramäischer Sprache auch von Erzbischof Nersai Dibaz zum Gespräch empfangen. Der Patriarch ist im Exil in den USA, weil er nicht im Irak sein darf, der Erzbischof, um es salopp zu sagen, hält hier die Stellung.

 

 

Erst war es ganz orientalisch, also höflich mit starkem arabischen Kaffee, der mit Kardamom versetzt ist, um ihn magenfreundlicher zu machen, aber dann gab es doch Butter bei die Fische. Sie werden verstehen, dass ich hier nicht alles schreiben kann, was gesagt wurde, aber so viel schon, dass sich der Erzbischof einer Kirche, die ihre eigentliche Heimat im Irak hat, große Sorgen macht.

 

Einstmals (im 12. Jahrhundert) durch intensive Mission eine große Kirche gewesen, die bis nach China reichte (mehr Mitglieder als die römisch-katholische Kirche jener Zeit), leben im Irak, dem Heimatland dieser Kirche, nur noch etwa 750 000 Gemeindeglieder. Das heißt, die Zahl stimmt nicht mehr, denn etwa 250 000 Gemeindeglieder haben dieser Kirche in den vergangenen Jahren durch Not und Erpressung gedrungen den Rücken gekehrt.

 

Als islamisches Land nimmt der irakische Staat allen Christen und Juden eine zusätzliche Steuer ab, die den Schutz der Christen im Land gewährleisten soll. Das haben sich nun nicht einfach die irakischen Geistlichen ausgedacht, sondern so steht es in Sure 9, dass sie diese Steuer (jizya) zahlen oder zum Islam übertreten müssen. Wird diese Steuer aber nicht bezahlt, so stehen Christen und Juden nicht mehr unter dem Schutz des islamischen Staates. So etwas nennt man, um es salopp zu sagen, Schutzgelderpressung.

 

Folge ist, dass jene, die die Steuer nicht zahlen wollen oder können, zum Islam konvertieren und jene, die Christen bleiben möchten, eben dann auch mit Verfolgung rechnen müssen und bedroht werden.

 

Tja, so ist das nun mal. Ich bleibe dabei, es gibt keine Alternative zu einem Dialog der Religionen, es gibt auch keine Alternative zum muslimisch-christlichen Dialog, in der Hoffnung, dass Wege zu einer gemeinsamen ethischen Verantwortung für die Zukunft dieser Erde und den Frieden gefunden werden.

 

Aber auf der anderen Seite wird mir auch immer klarer: Wer diesen Dialog führt, darf jene Christen nicht vergessen, die dort im Irak verfolgt und bedrängt werden. Ich weiß, das ist nicht ganz das, was en vogue ist, aber wer hier und völlig zu Recht Religionsfreiheit einfordert, kann sie zu Hause nicht einfach verweigern.

 

Wer zu Hause von Christen eine Schutzsteuer verlangt, kann hier nicht noch mit Unterstützung des Staates rechnen dürfen. Das muss auch mal gesagt sein. Das sind wir jenen Christen von der Assyrischen Kirche des Ostens und ihrem Erzbischof schuldig, und vielen weiteren verfolgten Christen in der Welt.

 

"Please pray for my church!" - das waren die letzten Worte des Erzbischofs beim Abschied. Ich habe ihm versprochen, dies zu tun und seine Bitte an die Gemeinden in Deutschland weiterzuleiten."

  

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