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Bericht Nr. 15 vom 23.10.2007

 

E-Mail vom 23.10.2007

 

  

Liebe Freunde

 

Also eine arabische Mezze (sprich: „Messe“) ist etwas ganz besonderes. Das ist keine arabische Gottesdienstliturgie wie man meinen könnte, sondern eine Mahlzeit, zu der sie viele Freunde, großen Hunger und vor allen Dingen Zeit mitbringen sollten.

 

 

Bei einer arabischen Mezze kommt scheinbar alles in kleinen Schälchen auf den Tisch, was das Land an Speisen zu bieten hat. Auberginenmus, Humus, Schafskäse, eingelegte Oliven, Ziegenkäse, Tomaten und Gurken, kleine Würstchen, gefüllte Weinbergblätter, Käseröllchen, angemachter Joghurt, Trauben und und und......... Bis kein Platz mehr auf dem Tisch ist.

 

Wenn man den Versuch und damit den Fehler macht, daran erkennt man wohl den Fremden im Lande, von allen Speisen auch nur ein kleines Versucherchen zu essen, dann haben sie schon verloren und sind satt, bevor die Hauptspeise komm, meistens Hühnchen oder ähnliches.

 

Auch ein Glas landestypischen Araks (Anisschnaps ) schafft es da nicht mehr genügend Platz zu schaffen. Vielleicht hilft er ihnen aber später zum Dessert noch etwas Baklawa, eine Süßspeise deren Kaloriengehalt sie auch nach 10 Kilometern Jogging nicht verbrannt haben und arabischen Kaffee zu sich nehmen zu können.

 

Das Problem an der leckeren arabischen ( oder libanesischen) Mezze ist:  Genauso macht man hier Politik!

 

Ich will ihnen das mal an dem Beispiel erklären, einen Präsidenten im Libanon zu wählen.

 

Auch da kommt alles auf den Tisch, was das Land zu bieten hat. Bis kein Platz mehr für Vernunft ist.

 

Insgesamt 18 Konfessionen, die alle Sitz und Stimme im Parlament haben, dazu eine Verfassung, die genau vorschreibt, welcher Posten an einen Angehörigen welcher Konfession zu vergeben ist.

 

Und als ob das noch nicht reicht, tischt man sich gegenseitig noch die Verletzungen des Bürgerkrieges von 1975 bis 1990 auf und würzt das Ganze je nach Geschmack entweder mit einer Prise Syrien/Irak/Iran oder USA/EU/Westen, während es das nicht geladene Volk vorziehen würde diese schwer verdauliche Kost einfach ungewürzt zu sich zu nehmen.

 

Nun, vielleicht haben sie es gelesen, ist also die Wahl des Präsidenten wieder einmal verschoben worden und zwar auf den 12. November. Dass das recht zeitnah zur Eröffnung des deutschen Karnevals liegt erachte ich als Zufall, auch wenn eine Zeitung gestern, um der libanesischen Verhältnisse gerecht zu werden, mit dem Titel „Demo-Crazy“ aufmachte.

 

Man muss sich vorstellen. Es gibt ein Parlament, das wird so lange nicht mehr tagen, bis es Parteien zuvor gelungen ist, einen Kandidaten zu finden, der sowohl von internationalen als auch  regionalen Mächten gleichermaßen akzeptiert wird, und der zudem ein Maronit ist (römisch-katholisch im Nahen Osten), um ihn anschließend dem Parlament als einen Menschen zur Wahl vorzuschlagen, der die Unabhängigkeit , die Souveränität und die Freiheit des Libanon widerspiegeln und gewährleisten wird. Das ist wirklich demo-crazy.

 

Und wenn man bedenkt, dass es im eigentlichen hier nicht nur um einen Präsidenten für den Libanon, sondern auch um den Frieden im Land und im Nahen Osten geht, um den hier gerungen und verhandelt  wird, wohl wissend, dass davon auch der Weltfrieden abhängt, dann kann einem schon mal richtig schlecht werden.

 

Und sie erinnern sich? Richtig: Die arabische Mezze. Auch bei diesen Nah-Ost-Verhandlungen kommt erst mal wieder alles, aber auch wirklich alles auf den Tisch, was die regionale und internationale Krisenküche zu bieten hat: Der Mord an Rafik Hariri und die weiteren 7 Morde an Parlamentsabgeordneten der antiassyrischen Regierungsmehrheit, die Entwaffnung der Hizbollah und die von Israel besetzten Shebaa-Farmen,, das Atomprogramm Irans, das Palästinenserproblem samt Hamas und Fatah , Westbank oder Gazastreifen, sowie die Rolle Israels,  die Umsetzung aller bisherigen UN-Resolutionen, Fatah al Islam nicht zu vergessen, die Einmischung  Syriens und die Einmischung des Westens, George Bush und die Achse des Bösen, die Präsenz einer internationalen Friedenstruppe, der Waffenschmuggel an der syrischen Grenze, sowie der Gefangenenaustausch zwischen Israel und Hisbollah und was weiß ich nicht alles noch.

 

Wahrlich schwer verdauliche Kost, die einem leicht bis zum Halse steht.

 

 

 

 

Gestern sahen wir einen großen Konvoi der UN mit ihren weißen Fahrzeugen vom Hafen in Richtung Innenstadt fahren. Bis jetzt haben wir die immer nur mal vereinzelt gesehen. Ob das nun wieder was zu bedeuten hat?  Wer weiß es schon.

 

Und trotzdem habe ich das Gefühl, irgendwie schaffen sie das hier. Wie, kann ich ihnen allerdings auch nicht sagen.

 

Aber wenn sie sehen, mit welchen Taxis (Das Wort Taxi ist bei diesen Fahrzeugen der reinste Euphemismus) hier jeden Tag nach Damaskus oder Aleppo in Syrien gefahren wird, dann wüssten sie auch nicht, wie das geht. Und trotzdem klappt es.

 

Übrigens:

Eine arabische Mezze in einem guten libanesischen Restaurant (etwa in Frankfurt) sollten sie sich echt nicht entgehen lassen. Die schmeckt nämlich wirklich lecker.

Gläschen Arak dabei nicht vergessen.

 

Viele Grüße aus Beirut

 

Kurt Johann

  

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