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Bericht Nr. 16 vom 29.10.2007

 

E-Mail vom 29.10.2007

 

  

Liebe Freunde,

 

so richtig waren wir wohl nicht willkommen im größten Flüchtlingslager des Libanons, in Saida.(Sidon) Obwohl wir unseren Antrag für den Besuch von „Ein Al Helweh“ vor zwei Tagen beim Geheimdienst abgegeben hatten, und obwohl wir unsere Nummer zum Passieren des Eingangs haben müssen wir etwa eine Stunde warten bis wir auch die Genehmigung der vor Ort stationierten Armeekräfte haben passieren zu können. Man scheut offensichtlich ein wenig die Öffentlichkeit.

 

Kein besonderes Vergnügen in der prallen Mittagssonne, etwa eine Stunde von zahlreichen schwer bewaffneten Soldaten umgeben zu sein.

 

Aber so lange wir auch warteten, so schnell soll es dann auch gehen. Yala Yala, Auf geht´s! Schnell!

 

Wir springen in unsere Wagen bevor er es sich anders überlegt und fahren durch eine enge Strasse die voller Menschen und Geschäfte ist, blicken in enge Seitenstrassen, ein undurchsichtiges Labyrinth von Pfaden und Häusern. Wenn der Regen kommt, steht hier alles im Matsch. So viel ist klar.

 

 

 

 

 

Auf nur zwei Quadratkilometern leben hier etwa 80.000 bis 100000 Menschen. Vor wenigen Wochen hatte die libanesische Armee unter großen Verlusten Nahr al Bared, das Flüchtlingslager im Tripolis, gestürmt und sich erbitterte Kämpfe mit Kämpfern von „Fatah al Islam“ geliefert, einer extremen islamistischen Gruppe. Unter den Kämpfern waren die wenigsten, palästinensische Flüchtlinge. Hier Unruhe zu stiften ist eher im Interesse von Kräften außerhalb des Lagers.

 

Die Lage ist auf jeden Fall gespannt. So viele Menschen auf engstem Raum, die meisten fern jeder Hoffnung, je ein Berufsleben außerhalb des Lagers führen zu können und ein regelmäßiges Einkommen zu haben, das ist der Nährboden für Gewalt und islamistische Gruppierungen jedweder Art.

 

Im Gegensatz etwa zu Jordanien können Palästinenser im Libanon prinzipiell nicht die Staatsbürgerschaft erwerben. Es gibt nach wie vor eine Liste von 72 Berufen, die sie nicht ausüben dürfen. Sie können keinen Wohnraum erwerben und sind nicht krankenversichert. Die Solidarität der arabischen Bruderstaaten, die so eindringlich einen eigenen palästinensischen Staat fordern, hält sich in sichtbaren und spürbaren Grenzen. Im Libanon zumindest ist das ganz einfach zu erklären. Die etwa 400000 palästinensischen Flüchtlinge würden nicht nur
10 % der libanesischen Inlandsbevölkerung ausmachen, sondern sind in aller Regel auch Sunniten. Bei einer Einbürgerung würde sich der Proporz zwischen den im Lande befindlichen Religionen und Konfessionen gehörig verschieben. Das will hier niemand, auch die schiitische Hizbollah nicht, die dann nicht mehr die stärkste islamische Religionsgemeinschaft im Libanon vertreten würde.

 

Das Bevölkerungswachstum im Lager ist hoch, die meisten Familien haben fünf Kinder und mehr, für das Leben bleiben ihnen in der Regel 1-2 Dollar pro Kopf und Tag.

 

Moustafa Abou Atieh, ist Geschäftsführer einer kleinen Klinik, die von „Human Call“ betrieben wird. Es ist für all die Menschen das einzige Krankenhaus, das 24 Stunden am Tag geöffnet ist. Auf die lange Wartezeit am Eingang anspielend sagt er: „Da haben sie mal gleich gesehen, wie das hier so ist. Und nun stellen sie sich mal vor, sie müssen einen Patienten notfallmäßig in eine andere Klinik außerhalb des Lagers fahren und dabei zählt jede Minute. Das ist ein großes Problem für uns.“

 

“Oh, this is a big problem…”.  Das hören wir auf viele unserer Fragen.

 

Kati Rotzler, eine Schweitzerin, die seit 24 Jahren im Libanon ist, und die ehrenamtlich im Lager als Sozialarbeiterin hilft, bewundert immer wieder, wie die Menschen im Lager, trotz allem die Probleme angehen und sich nicht entmutigen lassen. Und das ist tatsächlich bewundernswert.

 

Mirjam, die Leiterin einer kleinen Schule in Nachbarschaft der Klinik, ist eine stille Frau, die offensichtlich alle Kraft und Liebe darauf verwendet, Kindern zu helfen, die keine staatliche Schule besuchen können. Sie Hilft Kindern, die nicht registriert sind, und darum das Lager überhaupt nicht verlassen können, Kindern, die psychisch krank sind und deren Lage sich nach dem Bombardement des Sommerkrieges sicherlich nicht verbessert hat, Kindern, die aus Familien mit großen Problemen kommen. ( Wie kann man hier drin keine familiären Probleme haben?)

 

 

 

 

 

Die Kinder freuen sich als wir kommen und bestaunen die Menschen aus dem fremden Land. Sechs durch ein Sozialprogramm ausgebildete Sozialarbeiterinnen spielen und lernen mit den Kindern.

 

Keine verdient mehr als den gesetzlichen Mindestlohn von 200 Dollar im Monat, aber immerhin, hier ist das schon etwas.

 

Ach, auch nur einen Bruchteil der Eindrücke dieses bewegenden Tages niederzuschreiben, würde den Rahmen dieses Newsletters sprengen.

 

Drei persönliche Einsichten dieses Tages möchte ich aber doch weitergeben:

 

Erstens: Es ist himmelschreiendes Unrecht, das hier geschieht. So bringt man keine Menschen unter. Palästinenser scheinen zwischen allen Stühlen der Weltpolitik zu sitzen. Ein Spielball der Machtinteressen von Ost und West.

 

Zweitens: Es gibt Menschen, die sich Hoffnung bewahren, die Gutes tun, die ein Segen sind in nahezu aussichtloser Lage. Mirjam, die Lehrerin, Mustafa, der Arzt, Christina, die Sozialarbeiterin, sie verdienen all unsere Bewunderung und Unterstützung dafür, dass sie nicht resignieren wenn es wieder heißt: „Oh, this is a big problem...!“  Übrigens, nicht einmal spielt die Tatsache, dass wir Christen sind, in unseren Gesprächen auch nur eine Rolle. Menschen zu helfen, ist in allen Religionen Verpflichtung und Liebesdienst.

 

Und drittens: Wenn es in einem Lager mit 100.000 Menschen einmal losgeht, wenn sich hier auf engstem Raum, Gewalt Bahn bricht, dann gibt es kein Halten mehr. Alles, was die Lage im Lager verbessert, ist darum Friedensdienst. Die Menschen und gerade die vielen Kinder und Jugendlichen in Ein Al Helweh brauchen dringend eine Perspektive für ihr Leben, sonst zeigen ihnen andere gewaltsame Wege aus der Resignation und aus der Demütigung

 

Zurück in der Klinik heißt es dann  „Hamdulillah“ – ein kleines Mädchen ist in der Klinik geboren worden,  Die Großmutter reicht uns Süßigkeiten, die tief verschleierte Verwandtschaft schaut freundlich lächelnd und interessiert aus dem Zimmer heraus. Wir freuen uns mit allen und naschen Baklawa, dem Kind zum Segen. Was sind schon Religionen, wenn ein Kind das Licht der Welt erblickt.

 

Ich frage mich, welche Zukunft das kleine Mädchen haben wird, das wie jedes anderes Menschenleben, in Frieden und Gerechtigkeit aufwachsen möchte?

Wir beenden jedenfalls nachdenklich unseren Besuch in Ein Al Hilweh.

 

Am kommenden Donnerstag, werden wir dann nach Syrien reisen, und das etwas andere Kloster Bar Musa, in der syrischen Wüste  besuchen, dort übernachten und dann bis Sonntag in Damsakus sein.

 

Ich weiß manchmal gar nicht, wohin ich mit all den neuen Eindrücken und Erlebnissen hin soll.

 

Ich melde mich dann wieder und grüße euch ganz herzlich aus Beirut.

 

 

Kurt Johann

  

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