Evangelische Kirchengemeinde Gedern
Pfarrer > Bericht Nr.17 vom 01.11.2007

Bericht Nr. 17 vom 01.11.2007

 

Bericht im Kreisanzeiger vom 01.11.2007

 

In der Politik und beim Essen: Alles kommt auf den Tisch.

 

Wie Pfarrer Kurt Johann im Libanon arabische Mezze und Präsidentschaftswahlen erlebt.

 

GEDERN/BEIRUT (KA). Der Gederner Kurt Johann ist einer von fünf Pfarrern der Evangelischen Landeskirche Hessen-Nassau, der sich für eine dreimonatige Studienreise bis zum Jahresende im Libanon aufhält. An der Near Eastern School of Theology studieren die Geistlichen Islam, Kenntnis und Geschichte der christlichen Kirche im Nahen Osten sowie christlich-muslimischen Dialog. Die erworbenen Kenntnisse und Erfahrungen sollen die Fortführung des Dialoges zwischen den Religionen auch in der hiesigen Region möglich machen. Regelmäßig berichtet Kurt Johann von seinen Erfahrungen und Eindrücken aus Beirut.

 

"Also eine arabische Mezze (sprich: Messe) ist etwas ganz Besonderes. Das ist keine arabische Gottesdienstliturgie wie man meinen könnte, sondern eine Mahlzeit, zu der Sie viele Freunde, großen Hunger und vor allen Dingen Zeit mitbringen sollten. Bei einer arabischen Mezze kommt scheinbar alles in kleinen Schälchen auf den Tisch, was das Land an Speisen zu bieten hat. Auberginenmus, Humus, Schafskäse, eingelegte Oliven, Ziegenkäse, Tomaten und Gurken, kleine Würstchen, gefüllte Weinbergblätter, Käseröllchen, angemachter Joghurt, Trauben und, und, und... Bis kein Platz mehr auf dem Tisch ist.

 

Wenn man den Versuch und damit den Fehler macht, von allen Speisen ein bisschen zu essen, dann haben Sie verloren und sind satt, bevor die Hauptspeise komm, meistens Hühnchen.


Auch ein Glas landestypischen Araks (Anisschnaps ) schafft es da nicht mehr, genügend Platz zu schaffen. Vielleicht hilft er Ihnen aber später, zum Dessert noch etwas Baklawa, eine Süßspeise, deren Kaloriengehalt Sie auch nach zehn Kilometern Jogging nicht verbrannt haben, und arabischen Kaffee zu sich nehmen zu können.

 

Genauso macht man hier übrigens auch Politik. Ich will das mal am Beispiel erklären, einen Präsidenten im Libanon zu wählen. Auch da kommt alles auf den Tisch, was das Land zu bieten hat. Bis kein Platz mehr für Vernunft ist. Insgesamt 18 Konfessionen, die alle Sitz und Stimme im Parlament haben, dazu eine Verfassung, die genau vorschreibt, welcher Posten an einen Angehörigen welcher Konfession zu vergeben ist.

 

Und als ob das noch nicht reicht, tischt man sich gegenseitig noch die Verletzungen des Bürgerkrieges von 1975 bis 1990 auf und würzt das Ganze je nach Geschmack entweder mit einer Prise Syrien/Irak/Iran oder USA/EU/Westen, während es das nicht geladene Volk vorziehen würde, diese schwer verdauliche Kost einfach ungewürzt zu sich zu nehmen.

 

Die Wahl des Präsidenten ist wieder einmal verschoben worden, und zwar auf den 12. November. Es gibt ein Parlament, das wird so lange nicht mehr tagen, bis es Parteien gelungen ist, einen Kandidaten zu finden, der sowohl von internationalen als auch regionalen Mächten gleichermaßen akzeptiert wird und der zudem ein Maronit ist (römisch-katholisch im Nahen Osten), um ihn anschließend dem Parlament als einen Menschen zur Wahl vorzuschlagen, der die Unabhängigkeit, die Souveränität und die Freiheit des Libanon widerspiegeln und gewährleisten wird.

 

Und wenn man bedenkt, dass es nicht nur um einen Präsidenten für den Libanon, sondern auch um den Frieden im Land und im Nahen Osten geht, um den hier
gerungen und verhandelt wird, wohl wissend, dass davon auch der Weltfrieden abhängt, dann kann einem schon mal richtig schlecht werden.

 

Und Sie erinnern sich? Richtig: Die arabische Mezze. Auch bei Nah-Ost-Verhandlungen kommt erst mal wieder alles, aber auch wirklich alles auf den Tisch, was die regionale und internationale Krisenküche zu bieten hat: Der Mord an Rafik Hariri und die weiteren sieben Morde an Parlamentsabgeordneten der antiassyrischen Regierungsmehrheit, die Entwaffnung der Hizbollah und die von Israel besetzten Shebaa-Farmen, das Atomprogramm Irans, das Palästinenserproblem samt Hamas und Fatah, Westbank oder Gazastreifen sowie die Rolle Israels, die Umsetzung aller bisherigen UN-Resolutionen, Fatah al Islam nicht zu vergessen, die Einmischung Syriens und die Einmischung des Westens, George Bush und die Achse des Bösen, die Präsenz einer internationalen Friedenstruppe, der Waffenschmuggel an der syrischen Grenze sowie der Gefangenenaustausch zwischen Israel und Hisbollah und was weiß ich nicht alles noch. Wahrlich schwer verdauliche Kost.

 

Gestern sahen wir einen großen Konvoi der UN vom Hafen in Richtung Innenstadt fahren. Bis jetzt haben wir die immer nur mal vereinzelt gesehen. Ob das nun wieder was zu bedeuten hat? Wer weiß es schon. Und trotzdem habe ich das Gefühl, irgendwie schaffen sie das hier. Wie, kann ich Ihnen allerdings auch nicht sagen.
Aber wenn Sie sehen, mit welchen Taxis (das Wort Taxi ist bei diesen Fahrzeugen der reinste Euphemismus) hier jeden Tag nach Damaskus oder Aleppo in Syrien gefahren wird, dann wüssten sie auch nicht, wie das geht. Und trotzdem klappt es.
Übrigens: Eine arabische Mezze in einem guten libanesischen Restaurant (etwa in Frankfurt) sollten sie sich echt nicht entgehen lassen. Die schmeckt nämlich wirklich lecker. Gläschen Arak dabei nicht vergessen.“

 

nach oben

zurück

KirchenvereinePfarrerKinderGemeindehausKirchePfarrbüro