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Bericht Nr. 18 vom 06.11.2007

 

E-Mail vom 06.11.2007

 

Nun sind wir also dankbar, wohlbehalten und voller neuer Eindrücke, von unserem viertägigen Aufenthalt in Syrien zurückgekehrt. Viele Gespräche haben wir geführt, viele Erlebnisse und neue Erfahrungen müssen sich erst einmal setzen, und können nicht in diesen wenigen Zeilen auch nur ansatzweise dargestellt werden. Einen kurzen Bericht von einem Teil der Reise will ich aber trotzdem geben.

 

Unser erstes Ziel war Deir Mar Musa. 1982 entdeckte der junge Arabisch-Student Paolo das verfallene Kloster in der syrischen Wüste, knapp eine Autostunde von Damaskus entfernt.

 

 

 

 

1991, mittlerweile zum Priester geweiht, gründet er hier ein Kloster der besonderen Art. Zum einen ist es ein ökumenisches Kloster, dessen Bewohner sowohl der syrisch-orthodoxen Kirche, als auch der Syrisch-katholischen Kirche angehören, zum zweiten ist es ein gemischtes Kloster, das Nonnen und Mönche gemeinsam bewohnen und zum dritten eines, das sich der Gastfreundschaft und der Liebe zu Muslimen verschrieben hat. Das mussten wir sehen, davon wollten wir mehr erfahren.

 

Nachdem wir, nach einer wieder einmal abenteuerlichen Taxifahrt, unser Ziel erreicht haben, sehen wir die Klostergebäude, hoch oben in den Bergfels hinein gebaut. Etwa 400 Stufen müssen wir emporsteigen, dann werden wir mit großer Gastfreundschaft empfangen und beziehen nach einem kargen Mahl, unsere eher bescheidenen Schlafplätze, auf dem mit Teppichen ausgelegten Boden.

 

 

 

 

Wer Bequemlichkeit oder gar Luxus sucht, ist hier definitiv fehl am Platz. Wer aber etwas von der Spiritualität der Wüste erleben will, wer Stille wieder hören lernen will, wer den Dialog mit Gott und mit sich selbst sucht, der ist hier genau richtig.

 

Wir sitzen auf der Terrasse, lesen und schreiben, oder schauen einfach gerade aus, in die herrliche Wüstenlandschaft.

 

Als die Sonne untergeht, wird es bitterkalt und wir müssen uns in Decken hüllen. Was uns auffällt, sind die vielen jungen Leute hier, die aus den unterschiedlichsten Gründen und aus den verschiedensten Ländern angereist sind. Wir lernen ein junges Paar aus dem Niederlanden kennen, die Jordanien und Syrien bereisen, und kein Interesse an „Mallorca all inklusiv“ haben, eine Arabisch-Studentin aus Deutschland, und ein Pärchen aus Malaysia, er Christ und sie Muslimin, die von der Unmöglichkeit berichten, in ihrem Heimatland zu heiraten. Ich höre viel zu und überlege, ob Religionen im Namen Gottes sprechen, wenn sie diese Heirat verbieten. Da läuft offensichtlich etwas komplett falsch.

 

Am Abend, gehen wir in die kleine Kapelle, es gibt keine Bänke, die Menschen sitzen auf dem mit Teppichen ausgelegten Fußboden. Ich bekomme eine Kerze gereicht und eine deutsche Bibel, und bei Ansicht meines Alters auch noch ein paar Kissen. Herzlichen Dank auch.

 

Im Kerzenlicht betrachte ich mir die alten Fresken der Kirche. Aus dem 11 Jahrhundert sollen sie sein.

 

Pater Paolo betritt die Kirche, unzweifelhaft ist er der charismatische und spirituelle Leiter des Klosters. Vieles erinnert an die Anfänge von Taize´. Pater Paolo begrüßt die fünf evangelischen Pfarrer aus Deutschland im Besonderen.

 

Es wird viel zu Trommeln und Flötenmusik gesungen, gebetet und das Abendmahl miteinander gefeiert. Uns gelingt es auch manch arabischen Teil der Liturgie zu folgen. Das arabische Vaterunser können wir mittlerweile halbwegs: Abana allahdi fi s-samawat, Li-yataqaddas ismuka...

 

 

 

 

Erst nach dem Gottesdienst, gegen 21.30 Uhr gibt es Abendessen, wieder draußen auf der Terrasse, aber komischer Weise friere ich jetzt nicht mehr.

 

Ausdrücklich werden Muslime ins Kloster eingeladen und sie kommen nicht selten einfach mal als Familienausflug vorbei.  Die Gastfreundschaft mit Muslimen ist der Kern der Klosterregel. Viel Vertrauen musste aufgebaut werden, denn der Wiederaufbau eines christlichen Klosters war den Nachbarn im vierzehn Kilometer entfernten Dorf erst nicht geheuer. Kann man Christen vertrauen, oder wollen sie missionieren? Werde ich Ärger mit den Nachbarn bekommen oder dem Imam, wenn ich mal da hochgehe?

 

„Der Dialog zwischen Muslimen und Christen kann doch erst wirklich geführt werden, wenn es zuvor zu einem Dialog des Lebens gekommen ist,“ berichtet uns Schwester Huda, die in Syrien geboren ist, und dann sechs Jahre in Rom studierte. Auch sie ist damit aufgewachsen, dass man als Christ in Syrien besser unter sich bleibt. „Auch ich habe das erst mal hier lernen müssen. Für mich war das völlig fremd. Heute bin ich überzeugt, dass es nicht um Mission geht, sondern um Vertrauen zueinander, und um den gegenseitigen Respekt vor dem Glauben des Anderen.“

 

So ähnlich habe ich das auch schon mal gelesen. „Du kannst nur verstehen, was du liebst.“  Liebe scheint tatsächlich der Schlüssel zu sein, der das Herz des anderen öffnet, das Mittel, das die Mauern des Anderen erweicht. Wo diese Liebe den Dialog ermöglicht ist er auch keine Einbahnstraße.

 

Das Kloster steht übrigens jedem offen. Wenn sie mal in Syrien sind, dann einfach vorbei schauen. Oft werden Rundreisen „Jordanien - Syrien - Libanon“ angeboten.

 

Gastfreundschaft ist hier wirklich ernst gemeint. Nirgendwo werden sie um Zahlung der Unterkunft und des Essens gebeten.

 

Die leibliche Nahrung mag im Kloster karg sein. Die geistliche Nahrung ist dagegen überwältigend und motivierend.

 

Hier haben sich Spiritualität und die Vision vom Miteinander der Religionen vereint.

 

Und wer mal virtuell reinschauen will: www.deirmarmusa.org. Hier lebt man zwar in der Abgeschiedenheit der Wüste, aber eben doch nicht hinter dem Mond.

 

Von Damaskus, dem Haus des Hananias, „der Straße, die man die Gerade nennt“ (Apg 9.), von der Umayyadenmoschee, den vielen irakischen Flüchtlingen in Damaskus, von Amer, dem Arzt der ehrenamtlich für die Evangelische Gemeinde in Damaskus arbeitet, und uns aus der Patsche hilft und vom Teetrinken im Souk muss ich ein anderes Mal schreiben. Das wäre jetzt einfach zu viel.

 

Viele Grüße aus Beirut.

Kurt Johann 

 

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