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Bericht Nr. 19 vom 08.11.2007

 

Bericht im Kreisanzeiger vom 08.11.2007

 

"Es ist himmelschreiendes Unrecht, das hier geschieht"

 

Pfarrer Johann besucht größtes Flüchtlingslager des Libanon - 100 000 Menschen leben dort.

GEDERN/BEIRUT (KA). Der Gederner Kurt Johann ist einer von fünf Pfarrern der Evangelischen Landeskirche Hessen-Nassau, der sich für eine dreimonatige Studienreise bis zum Jahresende im Libanon aufhält. Die erworbenen Kenntnisse und Erfahrungen sollen die Fortführung des Dialoges zwischen den Religionen auch in der hiesigen Region möglich machen. Regelmäßig berichtet Kurt Johann von seinen Erfahrungen und Eindrücken aus Beirut.

"So richtig waren wir wohl nicht willkommen im größten Flüchtlingslager des Libanons in Saida. Obwohl wir unseren Antrag für den Besuch zwei Tage vorher beim Geheimdienst abgegeben hatten und wir unsere Nummer zum Passieren des Eingangs haben, müssen wir eine Stunde warten, bis wir auch die Genehmigung der vor Ort stationierten Armeekräfte haben, passieren zu können. Man scheut offensichtlich ein wenig die Öffentlichkeit.
Kein Vergnügen, in der prallen Mittagssonne etwa eine Stunde von schwer bewaffneten Soldaten umgeben zu sein. Aber so lange wir auch warteten, so schnell soll es dann gehen. Yala Yala, Auf geht´s! Schnell! Wir springen in unsere Wagen, bevor man es sich anders überlegt, und fahren durch eine enge Straße, die voller Menschen und Geschäfte ist, blicken in enge Seitenstraßen, ein Labyrinth von Pfaden und Häusern.


Auf nur zwei Quadratkilometern leben hier etwa 80 000 bis 100 000 Menschen. Die Lage ist auf jeden Fall gespannt. So viele Menschen auf engstem Raum, die meisten fern jeder Hoffnung, je ein Berufsleben außerhalb des Lagers führen zu können und ein regelmäßiges Einkommen zu haben, das ist der Nährboden für Gewalt und islamistische Gruppierungen.
Palästinenser können im Libanon prinzipiell nicht die Staatsbürgerschaft erwerben. Es gibt 72 Berufe, die sie nicht ausüben dürfen. Sie können keinen Wohnraum erwerben und sind nicht krankenversichert. Die Solidarität der arabischen Bruderstaaten, die so eindringlich einen eigenen palästinensischen Staat fordern, hält sich Grenzen. Im Libanon zumindest ist das einfach zu erklären. Die 400 000 palästinensischen Flüchtlinge würden nicht nur zehn Prozent der libanesischen Inlandsbevölkerung ausmachen, sondern sind in aller Regel auch Sunniten. Bei einer Einbürgerung würde sich der Proporz zwischen den im Lande befindlichen Religionen und Konfessionen gehörig verschieben. Das will hier niemand, auch die schiitische Hizbollah nicht, die dann nicht mehr die stärkste islamische Religionsgemeinschaft im Libanon vertreten würde.

 

 

 

Das Bevölkerungswachstum im Lager ist hoch, die meisten Familien haben fünf Kinder und mehr, für das Leben bleiben ihnen ein bis zwei Dollar pro Kopf und Tag. Moustafa Abou Atieh ist Geschäftsführer einer Klinik, die von ,Human Call` betrieben wird. Es ist für all die Menschen das einzige Krankenhaus, das 24 Stunden am Tag geöffnet ist. Auf die lange Wartezeit am Eingang anspielend sagt er: ,Da haben sie mal gleich gesehen, wie das hier so ist. Und nun stellen sie sich mal vor, sie müssen einen Patienten notfallmäßig in eine andere Klinik außerhalb des Lagers fahren und dabei zählt jede Minute. Das ist ein großes Problem für uns.`


Mirjam, die Leiterin einer kleinen Schule in Nachbarschaft der Klinik, ist eine stille Frau, die offensichtlich alle Kraft und Liebe darauf verwendet, Kindern zu helfen, die keine staatliche Schule besuchen können. Sie hilft Kindern, die nicht registriert sind, und darum das Lager überhaupt nicht verlassen können, Kindern, die psychisch krank sind und deren Lage sich nach dem Bombardement des Sommerkrieges sicherlich nicht verbessert hat, Die Kinder freuen sich, als wir kommen und bestaunen die Menschen aus dem fremden Land. Sechs Sozialarbeiterinnen spielen und lernen mit den Kindern. Keine verdient mehr als den gesetzlichen Mindestlohn von 200 Dollar im Monat, aber immerhin, hier ist das schon etwas.
Drei persönliche Einsichten dieses Tages möchte ich noch weitergeben. Erstens: Es ist himmelschreiendes Unrecht, das hier geschieht. So bringt man keine Menschen unter. Palästinenser scheinen zwischen allen Stühlen der Weltpolitik zu sitzen. Ein Spielball der Machtinteressen von Ost und West. Zweitens: Es gibt Menschen, die sich Hoffnung bewahren, die Gutes tun, die ein Segen sind in nahezu aussichtsloser Lage. Sie verdienen all unsere Unterstützung. Und drittens: Wenn es in einem Lager mit 100 000 Menschen einmal losgeht, wenn sich hier auf engstem Raum, Gewalt Bahn bricht, dann gibt es kein Halten mehr. Alles, was die Lage im Lager verbessert, ist darum Friedensdienst. Die Menschen und gerade die vielen Kinder und Jugendlichen in ,Ein Al Helweh´ brauchen dringend eine Perspektive für ihr Leben, sonst zeigen ihnen andere, gewaltsame Wege aus der Resignation und aus der Demütigung.


Zurück in der Klinik heißt es dann "Hamdulillah" - ein Mädchen ist geboren worden, Die Großmutter reicht uns Süßigkeiten, die tief verschleierte Verwandtschaft schaut freundlich lächelnd aus dem Zimmer heraus. Wir freuen uns mit allen und naschen Baklawa, dem Kind zum Segen. Was sind schon Religionen, wenn ein Kind das Licht der Welt erblickt? Ich frage mich, welche Zukunft das kleine Mädchen haben wird, das wie jedes anderes Menschenleben in Frieden und Gerechtigkeit aufwachsen möchte? Wir beenden jedenfalls nachdenklich unseren Besuch in ,Ein Al Helweh`.

 

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