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Bericht Nr. 20 vom 08.11.2007

 

E-Mail vom 09.11.2007

 

 

Liebe Freunde,

mal ehrlich, wer weiß schon, wer oder was Melkiten sind? Ich werde es gleich in Kürze versuchen zu erklären.

 

Denn ein Schwerpunkt unserer Reise, ist das Kennen lernen arabischer Kirchen und ihrer herausragenden Vertreter. Wir suchen das Gespräch mit ihnen. Uns interessiert ihre gegenwärtige Lage, inmitten einer muslimischen Mehrheitsbevölkerung, ihre Sorgen und Hoffnungen, aber auch das, was sie uns als europäische Christen sagen, mit auf den Weg geben möchten.

 

Uns interessiert vor allem der muslimisch-christliche Dialog, das Leben der Christen im Libanon mit oder auch neben ihren muslimischen Nachbarn.

 

Von uns brauchen sie dabei keine großen Ratschläge. Während für uns europäischen Christen, das Zusammenleben mit Muslimen noch neu ist, blicken diese Kirchen sämtlich auf eine etwa 1400-jährige Geschichte mit dem Islam zurück und haben somit wahrlich mehr Erfahrung damit, als wir.

 

Was die wenigsten wissen, nicht immer war die Zeit nach dem Aufkommen des Islam, eine Zeit, in der Christen Bürger zweiter Klasse waren, oder gar verfolgt wurden.

 

Nach der Eroberung Damaskus im Jahre 638 n. Christus durch den Islam, benutzen Muslime und Christen die Kirche, die heute den Grundstock der Omayyadenmoschee bildet, etwa 70 Jahre gemeinsam. Oder ein anderes Beispiel: Arabische Christen wurden von byzantinischen Christen derart verfolgt und unterdrückt, dass sie die muslimischen Eroberer mit ehrlicher Freude als Befreier begrüßten. Unter der Dynastie der Abbasiden hat sich das freilich geändert. Viele Kirchen im Mittleren Osten blicken darum auf lange Zeiten der Unterdrückung und Verfolgung zurück, ja müssen sie bis in die Gegenwart erdulden.

Manche Kirchen haben sich stets sehr strikt vom Islam unterschieden, andere waren in einem gelebten Miteinander bestrebt, ihre eigene, christliche Identität zu bewahren. Hinzu kommt, dass viele von ihnen nach Kirchenspaltungen, aber auch nach der Spaltung der Welt, in ein christliches Abendland und ein muslimisches Morgenland, im Westen in Vergessenheit gerieten.

 

Nach dem Erzbischof der Assyrischen Kirche des Ostens, Nersai Dibaz, dem Bischof der Syrisch-Orthodoxen Kirche, George Saliba, wurden wir nun gestern vom Patriarchen der Melkitischen Kirche, Gregorius III empfangen. Zuvor war übrigens eine kuwaitische Prinzessin bei ihm gewesen. Aber das nur am Rande.

 

 

 

 

Gregorius III, wie fast alle christlichen Kirchen hier, macht der Exodus der Christen aus dem Nahen Osten zu schaffen. Arabische Christen sind meistens sehr gut ausgebildet, und sehen in einem von Krisen geschüttelten Land, und in einem Land, das immer mehr islamisch fundamentalistischen Strömungen ausgesetzt ist, keine Zukunft mehr. Sie wandern aus.

 

Uns europäischen Christen dankte der Patriarch für manche finanzielle Unterstützung, viel wichtiger aber sei, dass die Kirchen des Westens für wirklichen Frieden in der Region eintreten. Dabei ist das Problem Israel und Palästinenser am dringendsten. „Wir müssen dieses Problem lösen, sonst gibt es keinen Frieden!“, sagt Gregorius III, der lange Jahre in Jerusalem Generalvikar seiner Kirche war und die Situation vor Ort gut kennt und erlitten hat, und der, nebenbei gesagt, sehr gut Deutsch spricht.

 

Dieses Problem, das so grundlegend für den weiteren Verbleib der Christen und Christinnen vor Ort ist, löst man nicht, wenn man wie die Bush-Administration, Israel 300 Milliarden Dollar Militärhilfe gibt und gleichzeitig dabei zuschaut, wenn auf unstrittig palästinensischem Gebiet, neue Siedlungen errichtet werden. „So entsteht der Fundamentalismus unter dem wir so zu leiden haben. Wir aber brauchen den Frieden so sehr. Christen im Mittleren Osten sind Brückenbauer zwischen Ost und West. Stellen Sie sich den Mittleren Osten mal ohne Christen vor, dann haben wir nur noch zwei Fronten, Ost und West, Christentum und Islam, dann ist die Welt geteilt. Christen im Mittleren Osten sind der Sauerteig dieser Region.“

 

Nachdenklich verlassen wir den Patriarchen und somit höchsten Vertreter der Melkitischen Kirche.

 

 

 

 

 

Achso, ich wollte ja erklären, was Melkiten sind.

 

Melkiten sind griechisch-katholische, also mit Rom unierte Christen, auch bekannt als byzantinisch-katholische Christen, weil sie, obwohl mit Rom uniert, ihre Liturgie im byzantinischen Ritus feiern.

 

Die Melkitische Kirche ist mit etwas mehr als 1 Million Christen und Christinnen, eine der größten Kirchen des Mittleren Ostens. Auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil spielte der damalige melkitische Patriarch Maximos IV eine gewichtige Rolle, als er Respekt  für die authentischen und alten Kirchen des Ostens einforderte. Seit 2001 ist Gregorius III, Patriarch dieser Kirche, die sich heute der Ökumene, aber auch dem muslimisch-christlichen Dialog widmet. Letzteres haben wir dankbar und interessiert in einer Atmosphäre großer Gastfreundschaft erlebt.

 

Viele Grüße aus Beirut

 

Kurt Johann

 

 

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