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Bericht Nr. 22 vom 20.11.2007

 

E-Mail vom 20.11.2007

 

Liebe Freunde,

am Wochenende bin ich also nun den Beirut-Marathon gelaufen und möchte euch kurz davon berichten, denn dieser Marathon ist ganz bestimmt etwas anderes, als alles, was die Läuferszene so kennt. Zum Beispiel, dass er wegen der Hitze ( es waren 25 Grad) schon um sieben Uhr in der Frühe gestartet wurde.

 

Ich will aber weder von meiner Zeit schreiben (na gut wen es interessiert 4:55h), noch von dem selbst für arabische Verhältnisse nicht üblichen Organisationschaos, das seinen Höhepunkt darin hatte, das es ab km 24 kein Wasser mehr gab. Denn der Marathon über die 42, 195 km war eigentlich auf zweifache Weise nur ein Randereignis.

 

Zum einen weil der Hauptlauf ein 10km Lauf war, an dem etwa 10.000 Menschen teilnahmen. Die meisten gingen mit ihren Freunden fröhlich die Strecke ab, während nur geschätzte 500 Läufer für den Marathon gemeldet waren. Alle aber wollten ein Zeichen setzen für den Lebenswillen und das Lebensrecht dieser Stadt.

 

Die Marathonstrecke  war an so einem frühen Sonntagmorgen natürlich entsprechend leer. Immerhin, hatte man die Straßen abgesperrt und wer kann schon sagen, dass er quer durch Beirut auf autofreien Straßen gejoggt ist?

 

In einer Stadt, in der man üblicher Weise, Fußgänger als natürliches Hindernis betrachtet und in der jeden Tag aufs Neue ein Verkehrschaos ausbricht, das den Fremden aus Deutschland fragen lässt, warum setzen die sich überhaupt ins Auto, wenn sie doch ohnehin nur damit rumstehen?

 

 

 

 

Ein Randereignis ist dieser Marathon aber auch noch auf ganz andere Weise für die Beirutis, denn der 18.11.2007 läutete die Woche der Wahrheit ein, in der der Präsident gewählt werden muss. Auch wenn den meisten Beirutis Politik wirklich bis zum Halse steht und das Vertrauen in Politiker weit unter dem Nullpunkt ist, spricht man nun von nichts mehr anderem. Vielleicht, weil man so wenig Vertrauen in Politik und Parteien hat, dass man nun völlig verunsichert ist, was nun geschehen wird. Werden sie wählen? Und wenn ja wen? Und wenn nein, was geschieht dann?  Zutrauen tut man den Politikern und den Parteien jedenfalls alles.

 

Schon dreimal ist die Wahl verschoben worden. Bis 24. November muss gewählt werden, sonst hat der Libanon keine Regierung mehr.

 

Für viele, mit denen wir sprechen ist klar, dass in dieser Woche der Libanon als unabhängiger Staat am Abgrund stehen wird. „Nicht schütteln, sonst stürzt er ab “, sagt mir einer. In einer Bar gibt es einen Cocktail Libanon. Besonderes Kennzeichen: Das Glas hat keinen Stil, kann nicht von alleine stehen und muss von außen gehalten werden.

 

Ich weiß wirklich nicht, was werden wird, allerdings ist die Nervosität überall deutlich zu spüren, selbst bei denen, die gerade gegenüber Ausländern den Coolen raushängen, um zu zeigen, dass nicht einmal Beirut sie verängstigt.

 

Etwa 20000 Soldaten sind in der Hauptstadt des Libanon zusammengezogen, alle ledigen Armeeangehörigen haben Urlaubssperre, die Verheirateten müssen erst heute, Dienstag, in ihre Kasernen. Das erklärt mir dann auch, warum während des Marathons, alle paar hundert Meter, freundlich winkende und nicht weniger gut bewaffnete Soldaten standen.

 

Regierungstreue Abgeordnete, die gegen den Einfluss Syriens und Irans durch die Hizbollah sind, sind wieder sicherheitshalber in das Hotel Phoenizia gebracht worden, das einer Festung gleicht. 

 

Manche der Politiker sind schon wochenlang in diesem Hotel, zum Teil mit sehr wenig Möglichkeiten, das Hotel auch nur einen Moment zu verlassen. Jeder ist eigentlich froh, wenn nun gewählt werden kann.

 

Das also sind die Rahmenbedingungen für den Beirut-Marathon gewesen, in einer Stadt der gespannten Erwartung des Kommenden.  Ein Lauf in einem Land, das faktisch ohne Regierung ist und das am Abgrund steht. Ein Lauf, bei dem die Bevölkerung zeigen wollte, dass die Menschen leben und Sport machen wollen, dass Beirut wieder eine ganz normale Stadt werden soll.

 

Viele tragen ein T-Shirt mit dem arabischen Schriftzug für „khallas“ , was zu gut Deutsch „genug“,   „ ich habe es satt“ heißt.

 

 

Die Leute haben es satt von kriegstreibenden Egozentrikern geführt zu werden, haben es satt, als Land so klein wie Hessen,  ein Spielball der großen weltpolitischen Mächte zu sein, haben genug davon, dass die meisten Libanesen im Ausland leben, immer mehr wandern aus und immer mehr bleiben die ungebildeten Schichten zurück, die nicht auswandern können, und die sich von politischen und religiösen Scharfmachern leicht steuern lassen.

 

Wir als Läufer haben jedenfalls unser Ziel erreicht. Mit Disziplin, Freude und Anstrengung. Ich war dabei und darauf bin ich stolz. Die Medaille dieses Marathons wird einen Ehrenplatz bekommen. Aber ich weiß auch, dass es wichtigeres gibt, als den Marathon.

 

Denn jetzt wollen wir alle hoffen, dass der Libanon sein Ziel erreicht und die Parlamentarier endlich einen vernünftigen Präsidenten wählen. Man traut ihnen nämlich wirklich alles zu. Zur Not auch mal was Vernünftiges.

 

Viele Grüße aus Beirut   

Kurt  Johann

 

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