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Bericht Nr. 25 vom 01.12.2007

 

E-Mail vom 01.12.2007

 

 

Liebe Freunde!

 

Unsere Zeit in Beirut geht zu Ende. „ The five pastors from Germany are leaving“. Am 14.Dezember werden wir nach Hause fliegen, zu unseren Familien, Gemeinden und Freunden. Wir freuen uns darauf und dies ist, wenn nichts mehr passiert, was ich für den Libanon nur hoffen kann, die letzte E-Mail aus Beirut an euch. 

 

Es waren drei Monate Lebenszeit in einem wunderschönen Land, dessen landschaftliche Gegensätze, von der sonnenverwöhnten Küste bis hin zum schneebedeckten Gebirge, sich in den Unterschieden und Widersprüchen seiner Bewohner, wieder zu spiegeln scheint.

Wir sind allen von Herzen dankbar, die uns dieses lebensprägende Erlebnis ermöglichten, allen voran unseren Familien, die uns ziehen ließen, aber auch unseren Gemeinden und hier vor allem den Kirchenvorstehern und denen, die ehrenamtlich ausgeholfen haben. Ohne sie wäre es gar nicht möglich gewesen, so lange weg zu sein. Auch dem Kreisanzeiger bin ich wirklich dankbar, dass er dieser Zeit durch seine Bereitschaft meine E-Mails aus Beirut abzudrucken, eine besondere Resonanz und auch einen besonderen Segen ermöglicht hat, wie ich aus vielen, vielen E-Mails weiß.

 

Doch nun ist die Zeit, sich über das Kofferpacken Gedanken zu machen, gekommen.

Was bleibt hier und was nehme ich mit?

 

Ich lasse Menschen zurück, die ich kennen lernte: John, den Pfarrer aus Kenia, der so gerne Volleyball spielt und beim besten Willen nicht verstehen kann, wie Eltern in Europa ihre Tochter zum heiraten frei geben, wenn der Bräutigam noch nicht mal eigenhändig eine Ziege für sie schlachtet. John wird noch  ein weiteres Jahr von seiner Familie getrennt sein, bis er zurück kann zu seiner Frau, die er so liebt und seinen Kindern. John der so fromm ist und der so wunderbar beten kann.

 

Und da ist Elias der evangelische Christ aus Syrien, der vier Jahre studiert hat, um dann mehr oder weniger unentgeltlich in Aleppo oder anderswo in Syrien als Pfarrer zu arbeiten, aus Liebe zu den Menschen und aus Liebe zu Gott. Ich habe übrigens selten einen Menschen so wunderschön und gut Klavier spielen hören.

 

Oder Bahjat, der Christ aus Palästina, der seine Heimat genauso liebt, wie seine muslimischen Landsleute. Der mir zum Marathon gesagt hat, Palästinenser könnten nur mit Flipflops schnell vor israelischen Soldaten weglaufen und würden beim Marathontraining immer mit dem Kopf an die Mauer stoßen, die ihr Land umgibt. Auch er wird in der NEST zum evangelischen Pfarrer ausgebildet. Wo wird er Pfarrer sein? Wird er es erleben dürfen, mit Samir und Asharaf, ebenfalls Theologiestudierende an der NEST, in einem freien Palästinenserstaat als Pfarrer arbeiten zu dürfen?

 

Werden sie vielleicht in ihren Gemeinden zu Friedensstiftern werden?

 

Da ist Lilith, aus Armenien. Dort gibt es erst seit 50 Jahren eine evangelische Kirche und die ist wahrlich arm und klein, oder auch Anna, eine Armenierin aus Syrien. Viele Armenier sind dort, seit sie von der Türkei in ihrer Heimat verfolgt und vertrieben wurden.

 

Da ist Bischof Peter aus dem Sudan, der sich eine Auszeit genommen hat, weil er einfach leer und müde geworden ist, als Bischof einer Kirche, die jeden Tag aufs Neue und von der Welt vernachlässigt, Verfolgungen ausgesetzt ist.

 

Da ist die Direktorin Dr.Mary Mikhael, die eine Hochschule mit permanenten Geldsorgen leitet und die dennoch seit 75 Jahren fast 90 Prozent der evangelischen Pfarrer in Nahen Osten ausbildet.

 

Wie sähen die Kirchen hier ohne die Near East School of Theology aus?  Werden sie es weiterhin schaffen, in schwieriger Zeit und dann noch an einem krisenreichen Ort, Pfarrer für den Dienst Jesu Christi auszubilden? Da ist noch vieles ungewiss und es wäre mehr Unterstützung der reichen Kirchen des Westens wünschenswert. Das Programm unserer Evangelischen Kirche in Hessen Nassau, alle zwei Jahre Pfarrer zur Ausbildung an die NEST zu entsenden hilft übrigens sehr.

 

Es sind vor allem die arabischen Christen, die mir ans Herz gewachsen sind, all die alten Kirchen aus der Heimat des Christentums. Die ägyptischen Kopten, die assyrische Kirche des Ostens, die Melkiten und Maroniten, die syrisch-orthoxe Kirche, aber auch die griechisch-orthodoxe Kirche. Sie haben den Dialog mit dem Islam seit 14 Jahrhunderten kennen gelernt. Mit seinen wunderbaren Möglichkeiten und seinen furchtbaren Grenzen. Aber sie haben auch ihre christlichen Brüder und Schwestern im Westen kennen gelernt. Wir haben sie lange verachtet und alleine gelassen. Dann haben wir ihnen zeigen wollen, wie wir im Westen der Welt, Christentum verstehen und sie zwingen wollen, es uns gleich zu tun. Wussten sie, dass der Kalender der Kopten mit dem Jahre 284 beginnt, dem Jahr, in dem Diokletian in Rom an die Macht kam, der Christen mit aller Gewalt verfolgte?

 

Die Kirchen hier sind die Wurzeln am Baum der Christenheit.

 

Jeder „Westernization“ oder „Latinisierung“ haben sie standhaft widerstanden. Wie oft haben sie sich in ihrer Kirchengeschichte in den Bergen des Mount Libanon verstecken müssen, um zu überleben?

 

Wie viele Menschen, die um ihres Glaubens willen gestorben sind, stammten aus ihren Reihen?

 

Ich denke, es ist die Zeit gekommen, in der wir im Westen, ihnen sehr genau zuhören sollten. Sie haben uns etwas zu sagen. Sie brauchen unsere Solidarität, aber nicht unsere Besserwisserei. Wir können etwas lernen von Kirchen, zu deren Spiritualität seit Jahrtausenden das Mönchtum gehört und der Dialog mit dem Islam, und die diese Spiritualität niemals den modernen  Zeiten geopfert haben.

 

Und was nehme ich mit? Ich nehme viel Ehrgeiz und viel Einsicht für den Dialog der Religionen mit.

 

Einen ehrlichen Dialog der Liebe ohne falsches Harmonie. In einer Liebe, die den andern annimmt, wie er ist und auch wenn er anders ist.

 

Und ich nehme die Erkenntnis mit, dass Frieden möglich ist, wo Religionen ihre gemeinsame Verantwortung dafür erkennen und den Versuchungen der Macht widerstehen. 

 

Und ich nehme eine Liebe zu diesem Land und seinen Menschen in meinem Herzen mit. Wir werden uns wieder sehen. So Gott will, inschallah.

 

 

 

Mit den besten Grüßen aus Beirut, eine gesegnete Adventszeit ihnen allen und auf ein baldiges Wiedersehen in der Heimat.

 

Ihr/Euer

Kurt Johann

 

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